Kipppunkte — Into the Void
Musik — Choreografie — Happening
* Installation im Park mit 7 runden Spiegeln auf 7 Notenständern *
AUSSTERBEN — KIPPUNKTE — INTO THE VOID, Bericht von Dorothea Rust (Konzept & Text & Performance)
2024 fragte mich Léo Collin, ob ich eine performative künstlerische Arbeit für das Tzara Ensemble schaffen wolle. Jörg Köppl hat viel Erfahrung mit performativen Theater- Inszenierungen und musikalisch-experimenteller Komposition. Über die Jahre hinweg hatte ich seine Arbeit mit Interesse verfolgt, sei es als Zuschauerin, als Mit-Performerin oder als Mitorganisatorin, weshalb sich diese Zusammenarbeit für KIPPPUNKTE — INTO THE VOID ergab.
In der Zusammenarbeit von Jörg und mir ergänzten sich unsere künstlerischen Ansätze auf ganz natürliche Weise: Er befasste sich mit der Entwicklung musikalischer Kompositionen und akustischer Installationen, während ich mich mit den choreografischen, textlichen und performativen Elementen auseinandersetzte; stets besprachen wir unsere jeweiligen Beiträge kreuzweise, stimmten sie aufeinander ab und entwickelten sie gemeinsam weiter.
Die Entwicklungsphase war äusserst intensiv und zeitaufwändig: wir entwarfen ein Konzept für einen Programmablauf mit 11 thematischen Stationen zu ’Aussterben und Kipppunkte’: Einlass / Tun – in 4a / Amsel, Spatz & Co. / Impro Bb und 04 Tune in 2b / Stummel der Film / in 2 the Void / im Lot / Panik A und B / Nachklänge / Mobiltelefone. Die klanglich-musikalischen Anteile für die 11 Stationen wurden von Jörg kontinuierlich für die Instrumente Violine, Flöten, Klarinetten und Horn ausgearbeitet. Gleichzeitig erstellte ich aus umfangreichem Textmaterial zum Thema ’Aussterben und Kipppunkte’ für die 11 Stationen und ihre musikalischen Eigenheiten einen Text, der zum Libretto wurde.
Eine große Herausforderung für das Konzept, seine Herausarbeitung und die örtliche
Umsetzung bestand darin, dem weitläufigen Gelände des Sihlhölzli-Parks, seiner
Komplexität und Vielschichtigkeit – sowohl in räumlicher als auch in intellektueller
Hinsicht – gerecht zu werden.
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KIPPPUNKTE – INTO THE VOID, Bericht von Jörg Köppl (Konzept & Komposition & Performance)
Die Zusammenarbeit mit Dorothea Rust war inspirierend und fruchtbar. Unsere Wege haben sich schon oft gekreuzt. Ein gemeinsames künstlerisches Grundanliegen trug durch Konzeption, Umsetzung und Ausführung. Das Ensemble Tzara unter der künstlerischen Leitung von Léo Collin und der Produktionsleitung von Heidi Hildebrand zeigte sich sehr offen und neugierig für unser Vorhaben und setzte es engagiert und professionell um. Saadet Türköz integrierte sich schrittweise und kraftvoll in den Klang des Ensembles und in die Soundscape.
Wir hatten den Sihlhölzlipark als (Un-) Ort ausgewählt, weil hier so viele verschiedene Ströme und Linien vorbei und einander entgegenkommen – Schichtungen aus der Vergangenheit wie auch Ängste und Hoffnungen aus der Zukunft: Die abgebrochene Sihlhochstrasse, die untertunnelte Sihl, Spaziergängerinnen, Fahräder, Verkehr, Menschen am Rand, Kinder und Tiere. Wir – selbst am Rand mit dem Thema Kippunkte – geblendet von der Sonne, unsicher wegen dem Wetter; die Kinder kühlen sich im Brunnen. Wir ziehen Kopfhörer an und versuchen: zusammenfinden, zusammenfassen, anpacken, uns anfassen.
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Bericht von Léo Collin, künstlerischer Leiter für die Saison 2025/26 des Ensemble Tzara
Von meinem iPhone gesendet, 4. Juni 2026
Ich bin wirklich sehr glücklich darüber, was zwischen uns passiert ist, darüber, wie ihr die Dinge angegangen seid, und über die Offenheit, die ihr eingebracht habt. Ich finde, musikalisch und künstlerisch war das ein unglaublich starker Vorschlag. Es ist ein wenig schade, dass wir nicht mehr Menschen erreichen konnten. Gleichzeitig bin ich aber sehr froh, dass wir es überhaupt machen konnten, denn bei solchen Veranstaltungen im Freien kann man immer befürchten, dass es zwei Tage lang regnet und alles abgesagt werden muss.
Deshalb bin ich einerseits sehr glücklich und andererseits ein ganz klein wenig traurig, dass ich nicht viel mehr Menschen mitbringen konnte. Trotzdem war ich froh, dass wir genügend Kopfhörer hatten, denn ich fand die Audioqualität wirklich sehr gut. Es war ein großes Vergnügen, mit Kopfhörern zu spielen, weil die Klangqualität meiner Meinung nach ausgezeichnet war.
Ich denke sogar, man hätte alles über Kopfhörer machen können und vielleicht gar keine Lautsprecher gebraucht. Gleichzeitig fand ich das Konzept mit den Lautsprechern interessant: Sie wirkten auf mich wie eine Art Alarmanlage, fast wie etwas Militärisches oder Apokalyptisches, was ich sehr schön fand. Im Nachhinein war es allerdings vielleicht keine gute Idee von mir, sie dort aufzustellen, weil ich nicht an die Kinder gedacht hatte. Dadurch entstand ein wenig eine apokalyptische Atmosphäre rund um die Kinder.
Die Begegnungen mit den Familien am ersten Tag fand ich wirklich sehr interessant, auch wenn es schwierig war, sich auf deinen Text zu konzentrieren. Das war übrigens auch eine Anmerkung von Mirjam: Am Anfang fällt es schwer, sich zu konzentrieren, weil dieses Publikum, das eigentlich nicht eingeladen ist oder zumindest nicht Teil der Inszenierung ist, eine Art kognitive Dissonanz erzeugt. Da ist die Welt, die ihr erschafft, und gleichzeitig die Welt direkt neben uns, die parallel existiert. Es ist ein bisschen so, als gäbe es Menschen mit einer völlig anderen Sicht auf die Welt – fast wie Klimaskeptiker –, die sagen: „Alles ist doch in Ordnung.“ Während wir eine gewisse Sorge oder Unruhe empfinden, scheinen sie diese nicht zu teilen. Das fand ich sehr schön und interessant, aber auch herausfordernd.
Dann Fand ich den Kontakt mit dem Tanz und die Tatsache, dass wir anschließend miteinander sprechen mussten, sehr schön, weil wir dadurch immer konzentrierter wurden und als Gruppe zusammenfanden. Das hat mir sehr gefallen.
Bei der ersten Aufführung war das natürlich noch abstrakter, weil der Klang von dort kam, wo sich die Familien befanden, und nicht in eure Richtung. Dadurch entstand eine Verbindung zu allen Anwesenden, aber auf eine sehr subtile, sehr performative Weise.
Beim zweiten Mal waren wir aufgrund ihres Alters natürlich viel näher beieinander. Das war auf eine andere Art ebenfalls sehr schön: weniger konzeptuell, dafür menschlicher und wärmer.
Auch die dritte Aufführung war sehr schön – wie eine Art Post-Apokalypse, aber eine sehr schöne.
Info zu AUSSTERBEN auf der Website des Ensemble Tzara
Bericht von Fawzy El Emrany
Der Titel Into the Void versprach eine Bewegung ins Leere, ins Nichts. Doch während der anderthalbstündigen Aufführung stellte sich bei mir ein gegenteiliges Empfinden ein. Was zunächst wie eine Reise in einen unbestimmten Raum erschien, entwickelte sich zunehmend zu einer Annäherung an das Selbst und an die unsichtbaren Verbindungen, die das Individuum mit seiner Umgebung verweben.
Über Kopfhörer getragen, entstand eine intime akustische Landschaft. Die Musik, reduziert und zugleich vielschichtig, verschmolz mit der konzentrierten Präsenz der Performerin zu einem dichten Erfahrungsraum.Nicht das Spektakel stand im Vordergrund, sondern die beharrliche Erforschung von Identität, Wahrnehmung und Zugehörigkeit.
Die Fragen, die sich dabei fast beiläufig formten, blieben oftmals unvollständig beantwortet. Doch gerade darin lag die Stärke des Abends. Anstatt Gewissheiten zu liefern, eröffnete die Inszenierung Denk- und Gefühlsräume. Sie setzte Prozesse in Gang, deren Bedeutung sich möglicherweise erst lange nach dem Verlassen des Aufführungsortes entfaltet.
Wie viele überzeugende künstlerische Arbeiten zielte auch diese Produktion weniger auf eine eindeutige Aussage als auf eine innere Bewegung. Sie berührte jene Schichten des Bewusstseins, in denen Erinnerungen, Erfahrungen und Sehnsüchte miteinander in Dialog treten. Jeder Zuschauer begegnet dabei einem anderen Echo seiner selbst. Was geweckt wird, ist individuell; was bleibt, ist die Spur einer Frage, die weiterwirkt.
Fawzy El Emrany, Künstler, lebt und arbeitet in Zurich
Instagram: @fawzy_elemrany
| www.emrany.com
Die Performance KIPPPUNKTE im Park Sihlhölzli mit Ensemble Tzara, Bericht von Lara Stanic
Der sommerliche Nachmittag um 16 Uhr im Park Sihlhölzli o!eriert eine einladende Atmosphäre. Unter dem Dach eines Festzelts spielt das Instrumentalensemble liese ein. Die Technik – grosses Mischpult, PA-Anlage, viele Kopfhörer und Mikrofone sowie das Tischchen mit der Kasse fügen sich unerwartet in die Umgebung ein.
Auch die Beteiligten wirken selbstverständlich in den Park integriert. Wirken wie ein Teil der Menschen, Familien und Kinder, die einen unbeschwerten Nachmittag zwischen Wiesen und Planschbecken verbringen. Die Parkanlage mit ihrer Rasenfläche, Bänken und Picknickdecken bildet einen Teil der Szenerie, ebenso wie die Klänge des Ortes: das Rascheln der Blätter in den Bäumen, der Wind und das Murmeln der Besucherinnen und Besucher. All dies wird zur Kulisse und Bühne der Veranstaltung KIPPPUNKTE.
Das Publikum erhält Kopfhörer. Dadurch kommt eine zusätzliche auditive Ebene hinzu und zugleich ein weiteres Medium. Über die Kopfhörer hören wir die Stimmen der Performer und die Musik des Ensemble Tzara als Live-Übertragung. Wie ein Hörspiel, jedoch eines, das in Echtzeit gespielt und gekonnt abgemischt wird. Während wir hörend durch den Park gehen, wirken wir vielleicht selbst etwas abwesend. Unmerklich werden wir Teil des Geschehens, Teil der Kulisse und der Wirklichkeit des Parks. Die Performerin taucht auf. Sie bewegt sich mal wie ein Tier, mal wie ein Kind, dann wieder ganz menschlich. Sie spricht. Es geht um uns Menschen und andere Lebewesen, um unsere Beziehungen zur Welt, zur Umwelt und zu den Wesen, mit denen wir Orte wie diesen teilen, gestalten und verlieren.
Die Bewegungen und Aktionen der Performerin sind stark, entschieden. Ihre Stimme ist kräftig, kernig und hat manchmal etwas Mahnendes. Die Instrumentalmusik trägt und färbt das Ganze sphärisch und nachdenklich.
Es funktioniert. Ein Gesamterlebnis. Viel Aufwand – und doch wirkt alles so einfach. Ich staune.
Juni 2026
Lara Stanic, Komponistin, Soundkünstlerin
Aussterben – Kipppunkte – Into the Void, Bericht von Maria-Anne Lerjen
Marie-Anne Lerjen schreibt über die Performance «Aussterben. Kipppunkte – Into the Void» von Dorothea Rust, Jörg Köppl und dem Ensemble Tzara, die am 30. Mai 2026 im Park Sihlhölzli in Zürich aufgeführt wurde.
Ich finde auf meinem Tisch die Einladung wieder: «Aussterben. Kipppunkte – Into the Void». Der Anlass hatte mich angezogen, denn hier wird Klartext gesprochen. «In einer von Katastrophen gemachten Zeit …». In welche Zukunft wollen wir kippen?
Eine kleine Parkanlage. Rundherum grosse Bäume. Am grossen runden Planschbecken sind Familien mit Kindern zugange. Wir beobachten mit Kopfhörern die Szenerie. Eher idyllisch. Musik, Wörter, Geräusche. Dorothea kraxelt über den Rasen. Notenständer mit runden Spiegeln darauf. Zwei grosse Röhren mit Mikrophonen. Rettungsfolien auf einem Haufen.
Dorothea in Bewegung. Sie spricht ins Mikrofon. Sie spricht über Abfall, nimmt geplatzte Ballone vom Rasen auf. Ihre Stimme im Kopfhörer drängend, forsch, anklagend. Menschliches, destruktives Verhalten. Sie kommt ins Atmen, die Bewegung ist anstrengend. Sie steigt auf eine Parkbank. Hoch auf der Lehne balanciert sie. Balance, Gleichgewicht. Das ökologische Gleichgewicht ist ins Wanken gekommen. Wir verheeren unsere lebenswichtigen Systeme.
... ganzer Text | publiziert in APRESPERF — Plattform für Texte zu Performances
Marie-Anne Lerjen, Spazierkünstlerin | Agentur für Gehkultur, Lerjentours