FUTURE PLAN(T)S — Art Meets Science

thematisches Ausstellungsprojekt

Einführung von Jill Scoot zur thematisch öffentlichen Gruppen-Ausstellung im SAE Greenhouse ETHZ

Die Zukunft unserer Pflanzen ist eine der größten Herausforderungen für die Menschheit. Welche Überlegungen haben 18 Künstler:Innen zu diesem aktuellen Diskurs und zur Zukunft der Pflanzen? Wie können wir ihre biologische Vielfalt erhalten und vermitteln, welche Rolle spielen Wildpflanzen, wie kann die Agrarökologie funktionieren, um Kulturpflanzen zu erhalten? Wie kann der Boden revitalisiert werden? Welche öffentlichen Diskussionen können wir über diese Zusammenhänge zwischen Ernährung, Lebens- mitteln und sozialen Fragen führen? In dieser Ausstellung reflektieren 18 namhafte KünstlerInnen und Künstler im Gewächshaus der SAE Sustainable Agroecosystem Group an der ETHZ über diese Fragen. Die Kunstwerke, Filme und Installationen versuchen, das Bewusstsein für die Zukunft von Pflanzen, Boden, Ernährung, Lebensmitteln und Wasser zu schärfen, und sie spiegeln den Kontakt mit der Forschungsgruppe im Bereich der nachhaltigen Agrosysteme wider.

FUTURE PLAN(T)S wird von zwei öffentlichen LASER-Panels begleitet, die Gespräche und Diskussionen mit Künstler:Innen und Wissenschaftler:innen beinhalten. Diese Diskurse werden mit Künstler:Innen und Wissenschaftler:innen zu den Themen «Zukunft des Bodens — Interaktionen zwischen Pflanzen» und «Resilienz, Ernährung, Lebensmittelsysteme» geführt.»

LASER I + II   ... www.laserzurich.com   

Essay der Kurator:innen Jill Scott, Dorothea Rust, Ursula Palla, Sandro Steudler und Barbara Bietenholz

GEMEINSCHAFTSLEBEN
Die Pflanze ist Teil einer Gemeinschaft: sie hat ihren Ursprung, ihre Substanz und ihren Platz innerhalb eines lebendigen Beziehungsnetzwerkes, in dem sie in ständiger Kommunikation mit ihrer Umgebung steht. FUTURE PLAN(T)S stellt künstlerische Positionen aus, die diese Formen der Kommunikation von Pflanzen untereinander und mit uns Menschen wertschätzen. In FUTURE PLAN(T)S zeigen 18 Künstler:innen ihre Werke zu einer Vielzahl von Themen: Wildpflanzen, Kulturpflanzen, Bodenkultur, Wachstum, Lebensmittel, Ernährung, CO2-Ausstoss und Klimawandel. Seit vielen Jahren wird Kunst, die sich mit der Zukunft unserer Gesellschaft beschäftigt, auch als performative und künstlerische Forschung betrachtet (1). Hier hat die Kunst ihre eigene Stimme! Sie kann dem Publikum Assoziationen aufzeigen beispielsweise zur Zukunft von Pflanzen und zur Zukunft von uns Menschen. Wir glauben, dass eine Zusammenarbeit zwischen Künstler:innen und Wissenschaftler:innen neues Engagement und Wissen kreieren kann. Wir plädieren dafür, dass eine Zusammenarbeit zwischen Künstler:innen und Wissenschaftler:innen neues Engagement und Wissen durch künstlerisch-poetische, ja spekulative Erzählungen, die auf wissenschaftlichen Fakten basieren und von ihnen inspiriert sind, kreieren kann. FUTURE PLAN(T)S ist ein Anfang in dieser Richtung, eine Ausstellung, die sich auf einen bestimmten Raum konzentriert: das Gewächshaus – als Ort des Experimentierens und Forschens. Im Gewächshaus werden zur Zeit Pflanzen für wissenschaftliche Experimente angebaut, beispielsweise für die Erforschung der Nahrungsmittelproduktion für eine ständig wachsende Bevölkerung. Das Gewächshaus wird zur Metapher und zeigt den Einfluss des Menschen auf die Treibhausgase, denn die Gasemissionen aus der landwirtschaftlichen Massenproduktion sind auch für die globale Erwärmung mitverantwortlich. Künstler:innen stellen dringliche Fragen zur Erhaltung unserer Flora und Fauna und wie wildwachsende Pflanzen als «le trésor du monde» erkannt und die biologische Vielfalt bewahrt werden können.

RENATURALISIERUNG WILDER PFLANZEN
Bezüglich der biologischen Vielfalt interessieren sich Künstler:innen dafür, unsere Beziehung zwischen der Widerstandsfähigkeit von Wildbäumen, Pflanzen und uns Menschen (Rust) zu überdenken. Sie sind fasziniert davon, Beweise des pflanzlichen Überlebens oder die Wiederbelebung von Natur in unseren städtischen Umgebungen zu dokumentieren (Vonplon) und zu beobachten, wie das pflanzliche Leben an den unwirtlichsten Orten unerwartet sprießt (Steudler). Es werden auch Analogien zwischen biologischen Materialien wie Kombucha und unserer Haut gezogen und dabei die Zersetzung und den Verfall natürlicher Mikroben (Minder) untersucht. Das Interesse umfasst Pflanzen, Bäume, Wälder etc. in unserer unmittelbaren Umgebung und wie Pflanzen oft ihre neuen eigenen Wege finden, um sich zu vermehren und wie sie sich in unserer städtischen Umgebung ausbreiten (Steudler). Es umfasst auch einheimische oder indigene Wildpflanzen, welche heute in der Medizin verwendet werden und wie die Pflanzenforschung die biologische Vielfalt stärken kann (Scott). Botaniker:innen mit diesen Anliegen forschen beispielsweise auch über die Notwendigkeit, Wälder in Anbaufelder zu integrieren und vor Ort mit Polykulturen zu arbeiten, um die biologische Vielfalt für die Lebensmittelproduktion zu sichern.

KULTIVIERTE PFLANZEN
Seit vielen Jahren werden Wildpflanzen, wie z. B. tief wurzelnde wilde Süßgräser, Reis oder Weizen von uns kultiviert, welche für die Forschung von Kulturpflanzen wichtige Erkenntnisse bringen. Künstler:innen sind fasziniert von der Fähigkeit dieser ursprünglichen Pflanzen, welche sich an eine zunehmend wärmere Atmosphäre anpassen können (Palla). In der Tat könnten die Verbraucher:innen von morgen an Erdgräsern für die Kräutergärten der Zukunft interessiert sein (Radelfinger). Kooperationen zwischen Gewächshäusern, Wissenschaftler:innen und Landwirt:innen stossen auf künstlerische Neugierde. Können diese Kooperationen die heutigen diversen Herausforderungen von Pflanzenkrankheiten versus Pflanzenerträgen, Erhalt der biologischen Vielfalt versus Anpassungsdruck bewältigen (Scott/Hahne)? Die Wissenschaftler:innen der Sustainable Agroecosystems (SAE) Group der ETH Zürich sagen uns, dass die Zukunft der Landwirtschaft auf einer verän- derten Nutzung unseres Bodens, auf Zwischenfruchtanbau und Technologien zur Eindämmung des Klimawandels beruhen, um dazu beizutragen, Kohlenstoff zu binden und um uns von unserer derzeitigen Abhängigkeit von Monokulturen zu lösen. Dies kann eine partizipative Pflanzenzucht erfordern – mit den Landwirt:innen und nicht mit von Biotech-Unternehmen aufgezwungenen Technologien, um Probleme der Ernährungssicherheit und der schlechten Bodenqualität zu überwinden.

BIOLOGISCHE VIELFALT DES BODENS
Viele Künstler:innen interessieren sich dafür, unsere Beziehung zu unseren Böden und seinen Mikroben und Pilzen neu zu beleben. Wir brauchen neue kreative, interaktive Erfahrungen, die uns helfen, die Netzwerke von Pilzen und Wurzeln zu verstehen (Schläpfer-Miller) und zu begreifen, wie unterirdische Wurzelsysteme ein kompliziertes Netz des Nährstoffaustauschs zwischen Vegetation und Myzel bilden (Orlow). Zu diesem Verständnis gehört auch, dass wir mit der Öffentlichkeit an der Kultivierung des Bodens und seiner Zersetzung arbeiten (Kumar) und dass wir uns eingehender mit dem Boden, seinen Kohlenstoffkreisläufen und seiner Fähigkeit, Kohlenstoff direkt unter unseren Füßen, ja sogar unter unseren Straßen zu binden, beschäftigen (Germann/Lorenzi). Diese Themen unterstreichen die Tatsache, dass ein großer Teil der biologischen Vielfalt auf der Erde mikrobiell ist, hauptsächlich Bakterien und Archaeen (einzellige Organismen), die in unseren Oberböden zu finden sind. Auch die Verschmutzung – ob durch Chemikalien, Strahlung oder Abfälle – konzentriert sich in den Böden und verbreitet sich dann in Süß- und Salzwasser und in der Luft. Künstler:innen finden in den Beziehungen zwischen Pflanzen und Boden Metaphern, die verdeutlichen, dass der Mensch nicht nur als einzelnes Individuum auf dem Planeten lebt, sondern auch Teil eines Ökosystems ist, das aus Mikroben und Molekülen besteht. Mikroben wie Bakterien, Pilze und Viren sind sogar Teil unserer Haut- und Verdauungsmikroflora, die sowohl das Innere als auch die äußere Oberfläche des Körpers bedecken. Sie stehen in einer symbiotischen Beziehung an der Schnittstelle zwischen unserem Körper und der Umwelt (Hahne/Scott und Minder).
Kunst kann als Katalysator dienen, um mit dem Boden in Verbindung zu treten. Dies kann physisch erfahrbar gemacht werden durch physischen Kontakt mit dem Boden oder durch die Berührung von interaktiven Kunst- werken, die sich beispielsweise mit Nahrungsmikroben und -moleküle sowie unserem Geschmacks- und Geruchssinn beschäftigen (Scott). Für Agrarökologen geht es bei der Bodenbewirtschaftung um Fruchtbarkeit, um die Auswirkungen des Klimawandels und die Anpassung an den Klimawandel, die Gesundheit der Mikroorganismen im Boden, um Erosion, Kreislaufwirtschaft und Ernährung. Hier besteht die Rolle der Künstler:innen darin, die Menschen für den Schutz dieser wertvollen Ressource und der Artenvielfalt über und unter der Erde zu sensibilisieren. Der Boden ist Teil einer gesellschaftlichen, politischen und internationalen Debatte, in der es um Fragen wie Lebensmittelqualität und -versorgung, Zuchtmethoden, Umweltauswir- kungen, Anbaupraktiken, Forschung, Kapitalisierung, Wertschöpfung und Gesetze geht. Leider werden oft sozialen Aspekte und gesellschaftliches Wohlergehen in diesen Diskussionen in den Hintergrund gedrängt.

ERNÄHRUNG, LEBENSMITTEL und SOZIALE ASPEKTE
Künstler:innen sind an Assoziationen interessiert und spüren Zusammenhänge, beispielsweise zwischen der Migration von Pflanzen und der Migration und den kolonialen Aktivitäten von Menschen (Spieser) oder decken die Notwendigkeit einer Kreislaufwirtschaft auf, eine Win-Win-Situation (Bietenholz) für den Boden (4) und die Wirtschaft, wie sie auch von einer Reihe junger Ökonomen verfochten wird (5). In unserer städtischen Umgebung leben wir bereits auf engem Raum, in dem die Lebenszyklen der Natur als Metapher für unser Gemeinschaftsleben, unsere Gesundheit und unseren gegenseitigen (kulturellen) Austausch gewinnbringend genutzt werden können (Jungo/Bosshard). Beim Verzehr von Wurzeln können wir über deren entzündungshemmende, probiotische und geschmackliche Moleküle lernen (Hahne). Vielleicht können wir uns auch in unserer eigenen Nachbarschaft engagieren, um die sozialen Beziehungen zwischen Pflanzen, Menschen und Nahrung zu erforschen (Good). Alle diese Beispiele der Künstler:innen spiegeln ein breites Interesse an Kooperationen als notwendiges Element für mögliche Problemlösungen gegen den Klimawandel oder gegen exzessive Stickstoff- und Kohlenstoffansammlungen in der Erdatmosphäre. Derzeit gibt es auch viele Beispiele von Künstler:innen auf der ganzen Welt, die zur Schadensbegrenzung aufrufen und Ursachen aufzudecken versuchen, die das Überleben der Menschheit bedrohen (2). Was sie leitet, ist ihre Sorge um unsere lebendige, atmende Erde und um alle Lebewesen, die in unserem sich schnell bewegendem Klimadrama verwickelt sind. Künstler:innen hoffen mit öffentlichen Reflexionen zum Klimaschutz beitragen zu können. In den Sozialwissenschaften wird derzeit eine der Tragödien als «Tragödie des Gemeinwesens» bezeichnet: eine Situation in einem System gemeinsam genutzter Ressourcen, in dem einzelne Nutzer:innen unabhängig voneinander nur nach ihrem eigenen Interesse handeln entgegen dem Gemeinwohl aller Nutzer:innen, indem sie Ressourcen durch ihr kollektives Handeln erschöpfen und auslöschen (6).

ZUSAMMENFASSUNG
FUTURE PLAN(T)S ist ein Kunst- und Wissenschaftsprojekt mit Fragen: Wie können wir in Zukunft gemeinsam an einer Art transdisziplinärem Inkubator arbeiten und unsere gemeinsamen Forschungsinteressen mit kreativen, kritischen und lateralen Ideen zur Zukunft der Pflanzen verfolgen? Wie können wir einen Brutkasten für Kunst und Wissenschaft für die Öffentlichkeit kreieren, um das zukünftige Gemeinwohl der Pflanzen zu fördern? Die Ausstellung bietet dazu zwei LASERZURICH Abende an, an denen diese Fragen beispielhaft zwischen Künstler:innen und Wissenschaftler:Innen und dem Publikum verhandelt werden. Können Expert:innen und Nichtexpert:innen zusammenkommen, um Ideen auszutauschen und Narrative zu entwi- ckeln, die dem Gemeinwohl dienen (siehe unter LASERZURICH). Alle diese Initiativen sollten ihr Wissen ganzheitlich reflektieren: am Wissen aus der Kunst («tacit» knowledge) und aus den Wissenschaften («implicit» knowledge). Dieses kombinierte Wissen kann es aber nur geben, wenn Kunst und Wissenschaft persönliche und physische Kontakte und regelmäßige Interaktionen pflegen. Das erfordert ein gegenseitiges Vertrauen, das auf dem Austausch von Fähigkeiten, Ideen und Erfahrungen beruht (6).
Wir sehen diese Ausstellung als den Beginn eines solchen Inkubators.
Die Kurator:innen der Ausstellung sind gleichzeitig teilnehmende Künstler:innen, und jede und jeder von uns hat zwei weitere Künstler:innen ein-geladen, die themenbezogen ebenfalls künstlerische Arbeiten im Zürcher Gewächshaus der Sustainable Agroecosystems (SAE) Group der ETH Zürich zeigen. Unser Ausgangpunkt war dabei, verschiedene Positionen zur Nachhaltigkeit in der Agrarökologie und in der Pflanzenproduktion zu erarbeiten und von der wissenschaftlichen Forschung zu lernen. Die Ausstellung
FUTURE PLAN(T)S, kann auch in andere Gewächshäuser von Universitäten wandern, die an einer Zusammenarbeit mit Künstler:innen interessiert sind. Wir hoffen, dass Sie, liebe Besucher:innen, die Vielfalt der künstlerischen Ansätze und poetischen Interpretationen anspricht: zur Zukunft unserer Pflanzen und zur Zukunft unseres Planeten!

References:
1. Example: Bristol Centre for Contemporay Art. Soil Culture Residencies. Bristol Centre for Contemporary Art and the Natural World (CCANW) 2015 : https://ccanw.org.uk/soil-cult...
2. Fowkes, M. and R., Art and Climate Change Thames & Hudson. 2022.
3. Hardin, G., «Tragedy of the Commons» in The Commons, Diner‘s dilem- ma, Enlightened Self-Interest, Population Control, Inverse Commons, Common Heritage of Mankind. Eds: Surone, LM ,Timpledon M.T, Marseken, S. 1968
4. Nutrient recovery from waste streams, viewed 07.Dezember .2022, http://.runres.ethz.ch
5. Potter, C. Welcome to the Circular Economy. The next step in Sustaina- ble Living. Google Books 2021. 6. Polanyi, M. 1966. The Tacit Dimension. University of Chicago Press.

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