Beckett Walk IV — Plastic Bender

Performance auf Spurensuche nach uneigentlichen Verklumpungen

* aus dem 'Skizzen-Buch' *

«Beckett Walk IV» gehört zu einer Serie von Arbeiten mit Perfor­mances, Inter­ven­tionen, Videos und Instal­la­tionen.

Beckett Walk im Titel bezieht sich auf Vieles: auf einen Literaten und seine immer noch aktuellen Texte – Samuel Beckett –, auf eine Arbeit, die zum Kanon der Kunst­ge­schichte gehört – Bruce Nauman's Video­arbeit «Slow Angle Walk (Beckett Walk) 1968» – auf das latente Risiko, das Gleich­gewicht zu verlieren, das Gesicht zu verlieren, auf Landschaft und unsere Beziehung zu Natur und Beziehung als Ganzes zum Leben in all seinen Schich­tungen.

Ausgangslage

Im Titel ist auch das Wort ’Bender’ vorhanden: Ich schlüpfe in ein Alter-Ego, ich bin ein Avatar. Das Gesicht ist von einer Fleece-Kapuzen-Jacke vollständig verdeckt; der Reisverschluss verschliesst die Kapuze auch vorne. In diesem Sinne tue ich, was das Wort (Gender) Bender verheisst: nicht nur die Geschlechtszuschreibung ’biegen’ und ’beugen’ sondern mich in dieser Versammlung von Menschen, die zur Performance gekommen sind, aufs Glatteis begeben. Obwohl ich ein Vorstellung habe, was mein Material ist, wo ich mich räumlich einbringen will, kann ich nicht wissen, wie die Menschen, die sich hierfür versammeln, zu meinen stimmlichen, körperlich-textlichen Annäherungen verhalten werden.

Ablauf der Performance

Ich taste mich den Gang im Gleis 70, im 2. Stock entlang, berühre mit Händen und anderen Körper­partien die Wände, kreuze den Gang von einer Wand zur anderen. Dabei lasse ich kehlige bis brummende, fauchende und hauchende Töne entstehen, je nachdem, zu was für Schritten und stimm­lichen Impulsen mich die Berührung führt. Ich nähere mich dem ’Kreis’ der Versam­melten, öffne die Kapuzenjacke und übergeben einzelne ’Plas­tiglo­merate’-Steine, die ich aus den Taschen der Fleece-Jacke nehme, den Anwesenden. Ich lege sie ihnen in die Hände und raune dabei, dass sie sehr kostbar seien, eben ein seltenes neues Gestein. Im eigent­lichsten Sinne geht es um eine optisch-physische Reinigung, bei der Fragen mitschwingen: Welche Emotionen, Motive wirken mit, wenn wir Plastik-Material begegnen. Wie kommen wir mit ihm in Kontakt? Was macht Plastik mit uns? Was ist natürlich? Was ist artifiziell, künstlich? Was ist wahr? Was ist fake? Was ist wertvoll, was wertlos? Was ist Verschwendung? Was verbrennt der Kapita­lismus, und verbrennt auch etwas den Kapita­lismus dabei?


Eine neue Art von Stein liegt an den Ufern von Shetland und anderswo. Ich habe dieses Gestein 2016 erstmalig an den Ufern in Shetland gefunden. Andere haben es schon vorher an anderen Orten gefunden. Die Künstlerin Aimee Labourne, Shetland, hat mir den Namen «Plastiglomerate» genannt. Dieses Gestein spielt in den Perfor­mances die Hauptrolle und ist zugleich eine offene Recherche, die noch nicht abgeschlossen ist.

Die Performance «Beckett Walk IV» stützt sich denn auch auf Erfah­rungen, die ich in Shetland bei Exkur­sionen und Recherchen an den Ufer-Rändern der Inseln gemacht habe. Auf Erkun­dungen in Shetland habe ich an den Ufern Plastiglo­merate gefunden und erstmalig erfahren, was es mit diesem ’neuen’ Gestein auf sich hat.
Shetland besteht aus über hundert Inseln und hat viele Küsten­ki­lometer. Wind, Wetter und den Strömungen der Nordsee ausgesetzt, zeigen sich die ökolo­gischen Krise hier radikal und mit aller Deutlichkeit, wenn etwa Plastikteile, die durch die Meeres­strö­mungen in grossen Mengen an die Inseln geschwemmt werden, sich ansammeln.

Durch die Hinter­las­sen­schaften mensch­licher Zivili­sation in den Meeren hat sich eine neue Gesteinsart gebildet. «Plastiglo­merate» nennen Geolog:innen die Gebilde aus Anteilen von geschmolzenem Plastik, Lava, Sand Korallen- und Muschel-Teilen, wobei die Plastik-Kompo­nenten oft noch Spuren des Vorlebens mensch­licher Hilfstools wie Zahnbürste, Schnüre etc. erkennen lassen. «Plastiglo­merate vereint indexi­kalisch den Menschen mit den Strömungen des Wassers, mit dem Abbau von Stein und Sand und Fossilien in Öl über Jahrtausende hinweg; mit der schnellen Subtraktion dieses Öls zu Kraftstoff; und mit dem Raffi­nieren dieses Kraft­stoffs zu Polykar­bonaten, zu Plastik, zu Müll.»* Welche leibliche Materialität bildet sich im Angesicht dieser uneigent­lichen Verklum­pungen?

* Zitat aus e-flux journal #78, december 2016, Kirsty Robertson, Plastiglo­merate; hherun­ter­geladen Oktober 2019, übersetzt auf Deutsc

Bild-Skript Plastiglomerates

Übertext für die Arbeiten, gezeigt im Kontext der Ausstellung «Selbst­ver­klum­pungen»

Der Über-Text gilt für alle drei Teile, die in der Ausstellung gezeigt worden sind:

* Performance
«Beckett Walk IV - plastic bender»
Performance auf Spurensuche nach uneigent­lichen Verklum­pungen. 

Herzlichen Dank an Ingrid Käse für die Unter­stützung.

* Auslage-Instal­lation im Gang (mit Plastiglo­merate) 

«What does captialism burn? What burns capitalism?»
Auslage mit uneigent­lichen Verklum­pungen.


* Kinetisches Bild

«L’ani­moteur 12 - bender»
1 Foto auf Hahnemühle Baryta, aufgezogen auf Stadur­platte, 37 x 50 cm
Aufhängung und Antrieb für die Bildro­tation: Getrie­bemotor mit Reibrad

«In Zeiten nach der Cyborg werden vorherige Kategorien von Organismen durch das erschüttert, was als biolo­gische Art zählt und was nicht. Das Maschinelle und das Textuelle wohnen dem Organischen auf unwider­rufliche Weise inne – und umgekehrt.»*1
«Die permanente Suche nach der Kenntnis des intimen Gegenübers und die unaus­weich­lichen und tragischen Fehler in diesem Unter­fangen, fordern meinen Respekt, egal ob das Andere nun tierisch oder menschlich ist oder gar unbelebt.»*2

*1 Zitat aus Donna Haraway, «Das Manifest für Gefährten», Merve Verlag Berlin, S. 21

*2 ebd., S. 4