es promeniert

Ein Streifzug durch den KSA-Park

* aus dem Skript *

Hintergrund

Ich wurde im 2012 von der Kunstbeauftragten des Kantonsspital Aarau, Sadhyo Niederberger, eingeladen im Rahmen der Ausstellung «Schmerzgrenzen» eine Installation mit bedruckten Fahnen im Park («Alles wird gut — Schmerzgrenzen») und eine Performance («Alles wird gut — Parkbewegungen») zu realisieren. Die Performance 2012 fand damals im strömendem Regen statt. Mit einem Grüppchen von verwegenen Zuschauer:innen, die mit mir dem Regen trotzen wollten, begab ich mich auf einen Parcours an den Rändern des Spitalgeländes. Ich war ebenfalls mit verdeckten Augen unterwegs, die Zuschauer:innen mussten mich navigieren, ohne mich zu berühren.

Diese Performance legte die Grundlage für das Skript der Performance «es promeniert» im Juli 2017. 2016 brachte mich Sadhyo Niederberger mit Anne-Marie Lerjen und Marco Käppeli zusammmen. Wir hatten bisher noch nie zusammengearbeitet. Ziemlich schnell war klar, dass wir einen Rundgang gestalten wollten, in dem alle, wir die Akteur:innen zusammen mit den Zuschauer:innen, einen gemächlicheren Gang einlegen würden, um die Sinne zu öffnen und zu schärfen, Ruhe und Klänge zu erfahren und so den schönen Park auch an seinen Rändern erleben zu können.

Ablauf

Es regnet. Auf der Einladung ist angekündigt, dass der Anlass bei starkem Regen nicht stattfinden würde. Eine Stunde vorher haben wir im Team — Dorothea Rust Künstlerin, Anne-Marie Lerjen Spazierkünstlerin, Marco Käppeli Musiker und die Kunst-Verantwortliche des KSA Sadhyo Niederberger — abgewägt, ob wir die Veranstaltung durchführen sollen. Obwohl es nicht aus Kübeln regnet, es auch kein feiner Regen ist, der sich nächstens verflüchten könnte, sind wir verunsichert. Schliesslich kommen wir überein, nicht den ganzen Plan auszuführen, d.h. die vorbereiteten Panels, die mit Zeichen und Bildern, die Zuschauer*innen führen und auch Informationen zum Kontext und zur Geschichte des KSA als Text vermitteln würden, nicht in den vorgesehenen Stationen des Rundgangs zu deponieren. Wir werden uns ohne sie 'nur' auf den Weg begeben. Jedoch werden wir die Zuschauer*innen bitten, wie vorgesehen 'ohne Wort' mitzukommen, also ohne zu sprechen uns zu begleiten.

Start beim Haus Nr. 60, der Augenklinik: über 30 Zuschauer*innen, manche in Gummistiefeln, Regenmantel und mit Schirm ausgerüstet, finden sich hier ein. Begrüssung durch Sadhyo Niederberger und kurze Information von uns: der Rundgang ist auch eine Performance und eine Performance ist immer auch ein Vertrag, in diesem Fall ist im Vertrag zwischen uns drei Agierenden und den Mitläufer*innen festgeschrieben, dass wir alle nicht sprechen, stumm unterwegs sein werden.

Wir drei orientieren uns unterwegs aneinander: die Spazierkünstlerin mit temporärer Gehbeschwernis, einen Betonklotz an jede Bein 'gehängt', die Künstlerin/Tänzerin, die anderweitig in selbstgewählter Einschränkung das Parkgelände bewegungsmässig erkundet, d.h. die Augen verbunden hat, und ein Musiker, der sein Instrumentarium und Vorgefundenes im Park spielen lässt. Ich mit verbundenen Augen richte mich an Marie-Anne's Positionen aus, ich höre das Schleifen und Kullern ihrer Betonklötze; ich gehe ihr nach oder bewege mich in ihrer Nähe. Marco Käppeli geht vorerst mit, um sich später abzusetzen und bei der Gaia-Skulptur (ein Kunstwerk aus der Kunstsammlung des Spitals im Park, das zum festen Bestandteil des Parks gehört) uns in Empfang zu nehmen: er improvisiert auf der metallenen Oberfläche mit seinen diversen mitgebrachten Perkussionsschlägel und auch Kieselsteinen.

Während ca. 1 ½ Stunden sind die Besucher*innen mit von der Partie. Sie halten sich mehr oder weniger an die Anweisungen und lassen sich nicht zu ‚Small-Talk’ verleiten. Ein Zuschauer meinte im Hinterher, am Anfang hätte unsere Gruppe wie eine Prozesseion ausgesehen. Dann hätte sich alles immer mehr gelockert, und er hätte sich auf die Architektur und gebauten Anlagen einlassen können. Hier und dort habe er verborgenen Holzhaufen entdeckt, auch Pflanzen und Bäume, die er hier nicht vermutet hätte.

Wir sind den Parcours so abgelaufen, wie wir geplant hatten, haben uns dabei aber eher an den Rändern bewegt. Ein anderer ‚Gang’ hat sich uns dadurch aufgedrängt. Die Sinne haben sich allmählich entsprechend umgestellt, evtl. vom Alltag abweichend geschärft. Meine Hände und Füsse fühlten sich nachher vom Berühren und Spüren des Geländes und der Oberflächen ganz wach and und seltsam 'aufgeblählt' an. Wie hätten alle Beteiligten, jede:r Einzelne nach diesem Rundgang ihr:sein Gefühl, ihre:seine Wahrnehmung beschrieben?    

Weg-Skript