When your standstill moves — Et ça, qu’est-ce-que c’est?

Performance + Tanz + Klang

* aus dem Skript *

Hintergrund und Ablauf

Der Aufführungsort der Performance ist ein loftartiger Raum, der sowohl als Theater als auch Studio- und Proberaum benützt werden kann. Die grossen Fenster sind am Abend mit dicken schwarzen Theatervorhängen verdeckt.

Während der Vorbereitungsphase improvisierten der Musiker Malcolm Goldstein und ich eine Woche lang im Raum. Ich überprüfte dabei im Zusammenspiel mit Goldstein die Möglichkeiten des gefundenen und mitgebrachten Materials, einem stark verzweigten Ast aus einem Park in Montreal, alten, ledernen Bergschuhen von meiner Mutter Anna und zwei Geissenglocken aus der Schweiz. Zugleich beobachtete ich, welche Assoziationen Performanceraum, Material, Körper und Instrument in dieser Situation wecken, welche inneren Monologe entstehen. Diese vorgängigen Erkundungen stehen während der Performance als Materialien und Subtext zur Verfügung stehen, der Zeitpunkt, die Dauer und Art ihres Einsatzes bleiben aber offen.

In der Performance improvisiert Malcolm Goldstein mit seiner Violine und Stimme aufgrund seiner reichen Erfahrung. Durch seine Person und Haltung ist auch die amerikanische Performancegeschichte im Raum anwesend, war er doch in den 1960er Jahren Teil des avantgardistischen Judson Dance Theater. In dieser Zusammenarbeit zeigt sich auch Goldsteins Neugierde für klangliche Experimente, die sich einerseits in unseren gemeinsamen, duettartigen Improvisationen ergänzen, andererseits aber in Soli und im Nebeneinander auch ihr eigenes Territorium in diesem Raum beanspruchen. Die Entwicklung seines Spiels orientiert sich an meinen Bewegungsaktionen, behält aber ihre eigene Logik. Goldstein behandelt und spielt die Violine als körperliches Instrument, das Gewicht des auf die Saiten fallenden Bogens ist gleichermassen Geste und Klangzeichen; dieser Umgang mit dem Bogen führt zu Bewegungen, die sich zu gemeinsamen Tanzaktionen verweben. Ausserdem setzt der Musiker immer wieder seine Stimme ein – sowohl klanglich als auch sprechend.

Konzentriert balancieren ich einen Ast auf meinem Finger, was die Performance einleitet, zarte Saitenstriche der Violine gesellen sich dazu und verdichten das stille, labile Suchen des Gleichgewichts von Ast und Körper, das in prekärere Bewegungen mündet, unmittelbar beim Publikum und mit dem Ast über dessen Köpfen. Den Ast bewege ich zwischenzeitlich immer wieder, schiebe ihn herum, er wird zum Instrument, Objekt, Wesen, Bühnenbild. Auch ich setze sehr häufig meine Stimme ein, klanglich als auch sprechend. So frage ich die Zuschauer:innen mit dem Ast in der Hand: «Et ça, qu’est-ce-que c’est?». Ihren Antworten stimme ich teilweise zu, widerspreche aber auch und behaupte z. B. «Ça c’est un cerf qui fait la grasse matinée» – das ist ein faulenzender Hirsch. Die Bergschuhe werden zu lederig quietschenden Instrumenten, wenn ich in den Knien wippe, oder, Sohle an Sohle balanciert, zu «bottes de montagne qui sont les oreilles des lapins de paques, hommes et femmes» erklärt; die Geissenglocken werden als «pommes Mc Intosh» eingeführt, eine kanadische Apfelsorte. Klang und Akzentuierung der Wörter wiederum vergrössern meine das Sprechen begleitenden Körpergesten, die in grosszügige und raumgreifende, mit dem Gleichgewicht jonglierende Bewegungen oder wilde Tänze am Ort münden.

In der Endphase der Performance lassen Schüttelbewegungen meines Körpers die Geissenglocken, die ich jeweils in einer Hand halte, erklingen. Die Violine übernimmt deren Tonhöhen und beide Klänge bringen den Raum zum Schwingen.

Skript

Projektbeschrieb und Pressrelease

WHEN YOUR STANDSTILL MOVES
ist der Titel einer neuen Serie von Performances, die Malcolm Goldstein und Dorothea Rust 2010 aufführen werden. Sie loten den Aktions- und Performance-Raum in seinen Zuständen und Befindlichkeiten zwischen Vertrautheit und Fremdheit weiter aus. In CONCERT PERFORMANCE und DOPPELPERFORMANCE ist dies 2008 in unterschiedlichen Kontexten in Aussen- und Innenräumen erfolgreich geschehen: im schwarzen Bühnenraum am Festival für improvisierte Musik in Zürich und in und vor dem Schloss Castelmur in der imposanten Bergeller Berglandschaft sowie in einem Doppelprogramm mit den PerformancekünstlerInnen Valerian Maly & Klara Schilliger in der Richard Tuttle-Ausstellung im Kunsthaus Zug und im alten Aulasaal des Kulturzentrum ‚progr’ in Bern. ...

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