Flüsterbogen 2 - follow your heart
Performance + Intervention + Klang
* 1—4 aus dem Skript und Panels | 5—8 Performance-Handschuhe und Bildmaterial, Fotos © Christian Glaus und © Urs Schmid | 9 + 10 St. Niklauskapelle mit Niklausstiege in Baden, Bilder aus dem Internet
Ablauf
Die Musiker positionieren sich so auf der Niklausstiege am Burghügel in Baden, dass ihre körperliche und klangliche Präsenz einen installativen Charakter vermittelt. Sie nehmen unabhängig voneinander und aus dem Moment heraus Klänge der Umgebung auf, die sie einander als moduliertes akustisches Signal weitergeben. Ich fungiere als mobiles und visuelles Ortungszeichen, das sich über die Niklausstiege und den Burghügel bewegt.
Auf dem Treppengeländer, auf dessen unterster Metallstrebe, schiebe ich langsam meine Füsse und damit meine Körper aufwärts. Am Ende des Geländers angelangt, wechsle ich ‹die Spur› und balancieren nun auf dem Randstein der Treppe wieder hinunter, mit ausgebreiteten Armen wie auf einem Hochseil. Über meine Hände sind selbstgenähte weisse Papierhandschuhen gestülpt, die mich daran hindern, mich am Geländer festzuhalten, da sie sonst zerreissen würden. Mit diesen fragilen Hand-Vergrösserungen bzw. -signalen zeige ich auf Punkte und Objekte: auf nahe und weiter entfernte Häuser, auf Pflanzen, die Treppe, den Himmel und mehr. Immer wieder kreuzen Passant*innen und Zuschauer*innen meinen Weg und denjenigen der Musiker. Ich flüstere in ihre Richtung «FOLLOW YOUR HEART», «FOLGE DEM HERZEN, …FOLGEN SIE DEM HERZEN» und nehme Augenkontakt auf. Dann balanciere ich die Treppe wieder hoch zur Kapelle, mit einem Ast als erweiterten Arm, den ich im Dorngebüsch neben der Treppe gefunden habe.
Der Innenraum der Kapelle ist für die Musiker und mich der Kreuzpunkt. Ich habe auf die Sitzflächen der Stühle anatomische Zeichnungen von Herzen und Stimmorganen sowie Steinen und Pflanzen gelegt. An den Wänden hängen ausgerissene weisse Papierherzen. Sobald ich die Papier-Handschuhe abgezogen habe, schüttle ich die Hände solange, bis der ganze Körper zittert, wankt und tanzt. Diese gestische Körperaktion verbindet sich mit den Klängen der Musiker, die sich ziemlich rasch gegenseitig aufschaukeln und die Kapelle sprengen. Ich schüttle die grossen weissen Papierrollen fein dosiert. Das Rascheln des Papiers verzahnt sich mit den wieder leiser werdenden Klängen der Instrumente des Holz Trios. Eine anatomische Zeichnung gibt die Vorlage, nach der ich eine Herzform in einen abgetrennten Papierbogen reisse. Meinen Kopf schiebe ich durch diese Öffnung, die breite weisse Papierbahn verdeckt meinen Körper. Sie ist Schutzumhang So bekleidet und mit einer grossen Papierrolle in jeder Hand gehe ich langsam über die Treppen hinauf zur Plattform. Die Musiker folgen mir und verteilen sich in drei verschiedenen Richtungen. Jetzt halte ich die Papierfahnen hoch, sie segeln wie Drachen im Wind abrupt hin und her. Danach lege ich ihre langen Bahnen zuerst auf Kies, Gras und dann über den Fels. Ich schreibe auf die Bahnen «SILENCE», «SILZENZIO», «RUHE» und «STILLE».
In der letzten Phase der Performance, nach zwei Stunden, bewege ich mich auf der Plattform. Sie gibt eine Rundumsicht aus der Vogelperspektive auf die Stadt. Hier schiebe ich mich auf der Mauerumfriedung und passe mich ihr in verschiedenen Passformen an. Die Gebautheit dieses Ortes hoch oben über der Stadt nehme ich in den Körper auf.
Die visuellen und akustischen Ortungszeichen der Musiker und der Performerin werden letztendlich von den langen Bahnen, die nun über Mauer, Fels, Büsche und an Bäumen gut sichtbar hängen, abgelöst.
Szenario für Musiker ... Performanceskript