Flüsterbogen 1 — 8h
8 Stunden Performance + Klang-Installation
* 1 + 2 aus dem Skript | 3—5 Material und Kontext St. Niklauskapelle, alle Fotos © GNOM | 6 St. Niklauskapelle, Fotos aus dem Internet *
Ablauf
Acht Stunden verbringe ich mit verbundenen Augen im Kapellenraum, horchend mich übers Gehör orientierend, tastend, abwägend, ohne den Raum je zu verlassen. Die Zeit des Rückzugs kann als offensive Geste verstanden werden, die Körper und Raum für andere Sinne öffnet und in einen akut rezeptiven Zustand versetzt. Die 66 Minuten und 13 Sekunden dauernde Klanginstallation von Hans-Jürg Meier, eine als Loop angelegte akustische Pendelbewegung, besteht aus acht Teilen. Für jeden dieser Teile entwerfe ich unterschiedliche Aktionen, die ich jeweils einem Ort im Raum zuordne. Sie orientieren sich an der Gebautheit des Raumes, seiner Ausstattung. Auch Geschichte und Legenden der Kapelle lassen diesen jahrhundertealten Konzentrationskörper differenziert spür- und sichtbar werden. Der Körper erweitert sich in den Raum: Konturen und Oberflächen der Kapelle und ihre Gegenstände, die physische Präsenz der Besucher*innen, die Klangkomposition und andere Geräusche modulieren die acht präzisen Bewegungsaktionen..
Im ersten und zweiten Teil bewege ich mich nahe am Boden, ertaste die
Struktur der Bodenplatten, messe mit dem Körper die Bodendimension aus.
Anhand kleinster Unebenheiten im Boden entwickle ich Bewegungsmuster
und wiederhole diese. Im dritten Teil streiche ich mit den Händen über
die Wände und finde mit dem Körpergewicht Haltepunkte daran. Im vierten,
sechsten, siebenten und achten Teil wird das Raumvolumen durch
Handlungen mit ausgewählten Materialien betont. So werden 520
Kieselsteine im Kapellennraum verteilt. Diese Anzahl ergibt sich aus der
Addition von Zahlen der Kompositionsstruktur der akustischen
Installation und ihrer Ableitung auf die Jahreszahlen der Baugeschichte
der St. Niklauskapelle. Ausserdem balanciere ich Äpfel auf meinen Händen
und auf einem Teller auf dem Kopf; das Austarieren ihres Gewichts
leitet in unvorhersehbare Bewegungsmomente über. Dieser Teil stellt auch
einen Bezug zum Altarbild der Kapelle her, das Nikolaus von Myra zeigt,
der oft mit drei goldenen Kugeln oder Äpfeln dargestellt wird. Im
fünften Teil stehe ich dann in einer Fensternische und fülle mit
Armbewegungen den unmittelbaren und erweiterten Körperraum aus. Die
Besucher*innen können während der acht Stunden nach ihrem Gutdünken
kommen und gehen.