Seehund Goldberg Variation II — mit Teppich
Performance
* aus dem Skript *
Hintergrund und Ablauf der Performance
Diese Performance ist eine Variation von «Seehund Goldberg Variation I». Ich verwende vor Ort besorgtes und gefundenes Material: einen Stuhl, zwei mit Wasser gefüllte Eimer sowie beschriftetes Papier. Hinzu kommt ein Orientteppich, den ich auf dem Flohmarkt in Brüssel gekauft habe.
Ein niederer Raum in einem ehemaligen Brauereigebäude, der Boden besteht aus Kopfsteinpflaster: Ich lasse den Orientteppich an einem Seilende aus dem Fenster hängen. Mit diesem Gegengewicht kann ich mich, barfuss und im Sportklettergurt, am anderen Seilende in extremer Schräglage aufrecht halten. Zwei schwarze Herrenschuhe ‹stehen› hinter mir nebeneinander auf dem Boden. Sie sind an Bindfäden mit mir verbunden. Allmählich treffen die Zuschauer*innen ein, gehen dem Seil entlang durch den Raum und sehen das über das Fenstersims gespannte Seil mit dem hängenden Teppich. Ich bleibe eine Weile in dieser Lage. Dann beginne ich meine Füsse zu verschieben, bis ich das Seil um eine Säule wickeln kann. Vorerst noch tastend, stemme ich mich nach und nach mit den nackten Füssen an der Säule hoch, bis ich in horizontaler Lage im Raum schwebe – der Teppich gibt mir gerade genügend Gegengewicht. Im Anschluss daran arbeite ich mich, das Seil immer gespannt haltend, zum Fenster vor und ziehe den Teppich in den Raum.
Heftig und ungehemmt ziehe ich einen Stuhl an einer Schnur durch den Raum; die Utensilien auf seiner Sitzfläche, weisse A4-Blätter, ein Filzstift und Klebestreifen, fallen dabei zu Boden. Ich schreibe folgende zwei Buchstaben-Kombinationen auf Blätter, für jeden Buchstaben verwende ich ein Blatt: S.E.A.L und S.O.I.L. Mit meinen nackten Füssen verschiebe ich die Buchstaben-Blätter zu neuen Wörtern: «SALE ... SOS ... OIL ...» Die Buchstaben «S», «E» und «A» klebe ich an einen Eimer, der mit Wasser gefüllt ist, sie fügen sich so zu «SEA» zusammenfügen. Das «L» klebe ich an den anderen Eimer; die Buchstaben beider Eimer ergeben das Wort «SEAL». Sachte, damit das Wasser nicht überschwappt, ziehe ich die Eimer an Schnüren durch den Raum. Den Stuhl stelle ich auf den entrollten Teppich und mich setzte ich darauf. Über meine Hände stülpe ich grosse graue, wildlederne Arbeitshandschuhe. Mit anfänglich feinen, gutturalen Lauten, die sich in Gesang, in Jodelklänge und und Gekreische verwandeln, will ich klanglich den Raum füllen, sogar sprengen. Mit den Herrenschuhen an den Füssen, schlendere ich zum CD-Player und starte J.S. Bachs «Goldberg Variationen», gespielt von Glenn Gould. Zur Musik bewege ich mich in einen improvisierten Tanz, der, betont durch die Eisenbeschläge an den Schuhen, Allüren eines Stepptanzes hat, aber mehrheitlich stockt und mich in schwierige Positionen bringt. Mittendrin beuge ich mich ganz unvermittelt kopfüber in einen der wassergefüllten Eimer und halte im Kopfstand solange die Balance und den Kopf unter Wasser, bis ich wieder Luft holen muss. Dieses Prozedere, ich bin triefend Nass, wiederhole ich mehrmals immer unterbrochen von einem 'falschen Stepptanz'.