Pegelstand I — 1810 – Jetzt – 1650 – 1242

Performance + Intervention + Klang

* aus Recherche und Skript *

Hintergrund und Ablauf

Im Jahre 2010 ist die (historische) Badener Holzbrücke 200 Jahre alt. In dieser Performance bespielen der Musiker Malcolm Goldstein und ich den Brückenraum der Badener Holzbrücke in der Vertikalen und Horizontalen, manchmal nahe beieinander, bisweilen auch fern voneinander. Wir möchten die Qualitäten der Brücke, die Schutzraum, Passage und ein Moment über dem fliessenden Wasser ist, erlebbar machen. Nebenan im Turm, in früheren Zeiten Kerker, heute Tunnelpassage, erinnert der Künstler Eric Hattan mit einem Messingschild an ein Mobile, das aus den Buchstaben «JETZT» gefertigt war und von der Decke hing, bis «Nachtbuben diesen Schriftzug zerstört und dem Strom der Limmat übergeben» hätten.. Ich habe das Wort «JETZT» in unsere Performance aufgenommen und in grossen Buchstaben auf Papierfahnen geschrieben.

Zu Beginn stehe ich mit den Papierfahnen etwas flussabwärts auf der Seite des historischen Museums. Die Zuschauer:innen befinden sich auf der Brücke, Malcolm Goldstein ebenfalls. Mit dem Bogen seiner Violine folgt er den Bewegungen des Wassers. Ich nähere mich der Brücke von weiter weg. Ich schwenke eine selbstgebastelte Fahne, aus Dachlatten und Papier gefertigt, auf und ab, zwei kleine Steine, an langen Schnüren an meinem Hosenbund befestigt, scheppern über den mit Metallgittern belegten Weg vor dem historischen Museum.

Auf der Brücke angekommen, balanciere ich in der Fluchtlinie des Brückenübergangs eine Fahne, Wegen den unregelmässigen Schritten verliere ich das Gleichgewicht, um mich sogleich wieder aufzufangen und finde so in einen auf- und abebbenden Bewegungsfluss. Malcolm und ich bewegen uns synchron und gegenläufig, entlang der Längsachse der Brücke, wir nehmen voneinander körperliche Schwingungen auf.

Ich möchte mit Wasser zwei Jahreszahlen auf den asphaltierten Brückenboden schreiben, und zwar 1650, als die neue 38 m lange, pfeilerlose Brücke – eine der ersten und grössten freitragenden Konstruktionen überhaupt – gebaut wurde, und 1810, als die Brücke in ihrer jetzigen Konstruktion errichtet wurde. Dazu werfe ich einen, an einer Schnur befestigten Malerpinsel mehrmals ins Wasser und ziehe ihn wieder zurück auf die Brücke. Bei jeder Berührung unten auf dem Wasser, scheint der Pinsel das Wasser zu ‹malen›, das deshalb, weil er durch die Spannung der Schnur auf den Pinselhaaren aufliegt.

Malcolm schlägt Ahornhölzer, die er aus einem Wald in Vermont (USA) mitgebracht hat, auf die Brückenbalken, was mich an eine seiner Interpretationen von John Cages «Ryoanji» erinnert. Unterdessen ertaste ich mit meinen Körpermassen die Brückenstruktur, erklettere dann einen Brückenbalken und passe mich liegend in seine Schräge ein. Danach springe ich hinunter, nütze dabei die Kraft des Fallens für eine Bewegungsimprovisation und lande in einer yogaähnlichen Körperbrücke auf der Brückenmitte.

Performance-Skript