Anna II — September Performance

Performance Aktion

* aus dem Skript *

Hintergrund der Performance-Serie «Anna ...»

Diese Performance ist die zweite in einer Serie, in der ich mich dem Kosmos und dem Charakter meiner Mutter Anna annähere. Es ist auch die Transformation von Vergessenem, das ich in der Jetzt-Zeit hole, und mit dem eine neue, herausfordernde und eventuell auch irritierende Situation entsteht. Mit jeder neuen Version erweitere ich das Material, wobei der Teppich auch in der Performance «Anna II» die Verbindung zu meiner Mutter «Anna» und der Drehpunkt dieser Performance ist.

Ablauf der Performance

Auf einem Rollwagen schiebe ich meine Performance-Utensilien in den Raum, lade sie ab, ziehe Sportklettergurt und Fischerstiefel an und schultere die Fischbrente. An das eine Ende des Kletterseils binde ich einen Orientteppich. Das andere Ende des Seils werfe ich hoch oben unterhalb der Decke über einen Balken. Ich halte es in den Händen springe ich hoch und lasse mich fallen. Ich falle mit dem ganzen Körpergewicht zu Boden ins Seil und ziehe so den Orientteppich ruckartig bis unter den Balken hoch. Ich bitte zwei Personen, das Seil gespannt zu halten, damit ich es an meinem Klettergurt befestigen kann. Ich bringe meinen Körper in Schräglag. So kann ich das Seil gespannt halten, so werde ich zum Gegengewicht des Teppichs, der nun hochgezogen unter der Decke vorerst dort bleiben muss.

Ich gehe rückwärts durch die Eingangstür des Kunstraums Walcheturm in die nächtliche Dunkelheit des Zeughaushofs, beleuchtet von einer Straßenlaterne. Ich nutze immer den Radius, den mir das gespannte Seil erlaubt, bewege mich im Kreis und steige auf eine kleine Plattform. Von dort rufe ich mehrmals ANNA in verschiedene Richtungen in die Nacht. ANNA ist der Name meiner Mutter und Anna kommt vom hebräischen Vornamen Hannah, wird auch mit der keltischen Göttin Anu in Verbindung gebracht, kommt in der römischen Mythologie vor und ist nach katholischer und orthodoxer Tradition der Name der Mutter Marias. Die Aufführung richtet sich an alle Annas aller Zeiten und ist auch eine Hommage an die Frauen, die hier im Viertel die Nacht durchmachen. Aus der schummrigen Dunkelheit des Zeughaushofs und der Kanonengasse ruft jemand ISABELLE zurück. Dann schiebe und ziehe ich mich zurück ins Innere des Kunstraumes. Immer wieder ziehe ich das Seil nach, um den Teppich in der Luft zu halten, was Kraft kostet. Ich überquere die Stelle, an der ich begonnen habe, bewege mich unter dem Teppich in die entgegengesetzte Richtung in den großen Ausstellungsraum. Ich ziehe das Seil in einem großen Kreis um vier Balkensäulen, die den Raum unterteilen. Immer, wenn der Teppich aus meinem Blickfeld verschwunden ist, frage ich die Zuschauer:innen «Hängt der Teppich noch?», was sie ausnahmslos bestätigen. Das Seil ist sehr lang, es erlaubt mir, hinter einer Ausstellungswand zu verschwinden. Jetzt ist das Seil extrem straff. Als ich es plötzlich loslassen will, warne ich die Zuschauer:innen, Abstand zu halten. Ich lasse es los - mit einem dumpfen Knall fällt der Teppich außer Sichtweite auf den Boden. Das Publikum applaudiert; es geht davon aus, dass die Vorstellung zu Ende ist.

«Die Performance ist noch nicht zu Ende!», rufe ich und laufe in einen Nebenraum davon. Ich kehre auf mein Fahrrad zurück und fahre einen großen Bogen. Als ich den Teppich erreiche, bitte ich das Publikum, mir zu helfen, den Teppich auf den Gepäckträger meines Fahrrads zu heben. Noch einmal 'ziehe' ich mit dem Fahrrad eine Kurve, diesmal mit dem Teppich. Aufgrund der Breite des Teppichs kippen Stühle um, und die Zuschauer:innen müssen aus dem Weg gehen. In der Mitte des großen Ausstellungsraums lasse ich das Fahrrad mit dem Teppich auf den Boden gleiten.

Jetzt kündige ich einen ruhigerer und ungefährlicherer Teil an: Nachlässig schiebe und verschiebe ich die Füsse in den zu grossen Fischerstiefeln. Die Stiefel verrutschen auf dem Boden, ich schlüpfe halb aus ihnen heraus und verliere sie fast. Die hohen Stiefelschäfte verändern die Kontur meiner Beine, verlängern sie. Stiefel und Beine verselbständigen sich, bewegen einander gegenteilig, schlenkern und kullern. Dann ziehe ich die Stiefel wieder ‹richtig› an. Der Fischbrente entnehme ich Steine, eine Schraubenmutter, einen Erzklumpen und Äpfel. Jeden einzelnen Gegenstand zeige ich dem Publikum, nenne die Bezeichnung der gezeigten Dinge oder frage: «Was ist das?» Die erhaltene Antwort bejahe ich oder behaupte auf Englisch oder Deutsch sehr laut etwas Anderes: Die Steine werden zu «Herz-heart», denn sie weisen alle tatsächlich eine Herzform auf, die Schraubenmutter wird zu «Mutter-mother», der Apfel zu «Apfel-apple», der Erzklumpen zu «Zelle-cell», die Schokolade wird zu «Schokolade-chocolate», ein länglicher Stein zu «Fuss-foot» und wieder ein anderer, sehr flacher zu «Schulterblatt-shoulder blade», ein anderer zu «Zunge-tongue». Die Äpfel schiebe ich einzeln unter mein weisses T-Shirt auf Brust, Schultern und Bauchnabel. Ich rufe «Musik», der Song «I am in the Mood of Love» von John Lee Hooker wird gespielt. Ich bewege mich aus den Hüften und versuche die Äpfel an Ort und Stelle zu halten, doch sie verrutschen und fallen auf den Boden; ich hebe sie wieder auf und platziere sie erneut unter dem T-Shirt, rücke sie zurecht und tanze weiter, dann fallen die Äpfel wieder ...

Skript