Lexikonartikel SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz

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Lexikonartikel SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz, 2018

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Dorothea Rust ist im Kanton Zug aufgewachsen. 1979–1983 Ausbildung in modernem Tanz in Zürich und Bern, 1983–1991 in postmodernem Tanz und Performance in New York, unter anderem bei Eva Karczag (Mitglied der Trisha Brown-Company), Simone Forti und im Merce Cunningham Studio; bis 1999 interdisziplinäre Tanzprojekte und Kooperationen. 1999–2003 Studium Bildende Kunst, Hochschule für Gestaltung und Kunst, Zürich. 2004–06 MAS Culture/Gender Studies, Zürcher Hochschule der Künste. Seit Anfang der 2000er-Jahre kuratorisch aktiv, zum Beispiel mit Der längste Tag, 16 Stunden nonstop Performances unter freiem Himmel (2004–2008 Ko-Kuratorium mit Peter Emch; seit 2014 mit Irene Müller) und GNOM gruppe für neue musik baden (2009–2015). Vor 2000 diverse Auszeichnungen im Bereich Tanz, danach unter anderem Performancepreis Kunstkredit Basel (2007), Performancepreis Schweiz (2016) und Anerkennungspreis der STEO Stiftung (2015). Seit 2000 regelmässig Auftritte als Performancekünstlerin sowie Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Daneben als Dozentin an verschiedenen Schweizer Kunst- und (Fach-)Hochschulen tätig.

Die New Yorker Tanzszene, das Judson Dance Theater und dessen Rezeption, sowie die Zusammenarbeit mit Tänzerinnen, Choreografinnen und Musikern in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren üben einen nachhaltigen Einfluss auf Rust. Bewegung und Improvisation bilden seitdem den Angelpunkt ihrer Arbeitsweise, die immer Recherchen über die Aufführungs- und Ausstellungszusammenhänge einschliesst: Sei es der konkrete Veranstaltungsort oder die Rahmenbedingungen einer Live-Performance, seien es die ereignishaften Merkmale der räumlich-gesellschaftlichen Situation. So greift die Künstlerin in der Kunst-am-Bau-Arbeit Alles wird gut 47° 9’ / 8° 32’ (Zuger Kantonsspital, Baar, 2013) oder in den Live-Performances Letten Venus (Zürich, Badeanstalt Oberer Letten, 2017) und Ritual für (den) einen Mittelpunkt (Performancepreis Schweiz, Lupsingen BL, 2016) ortsspezifische Gegebenheiten und Funktionen auf. Aber auch städtebauliche Merkmale, architektonische Charakteristika und historisch-kontextuelle Zusammenhänge der bespielten Orte sind ausschlaggebend für die Entwicklung der Arbeiten (zum Beispiel Pegelstand I–III, 2010; Haus Martinsberg I–II, 2012; Hecht an der Grenze, 2014).

Grundlegend ist auch Rusts Auffassung des eigenen Körpers als «Gemeinschaftsraum», der sich im Akt der performativen Handlung nicht nur leiblich, sondern auch in sozial-kommunikativer Weise positioniert. Den verwendeten Materialien (Schuhe, Äpfel, Steine, Äste) und Requisiten (Schrift- und Bildtafeln, Sound) kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Einerseits als Anlass spezifischer körperlicher und stimmlicher Gesten oder Behandlungen, andererseits als assoziativer Anknüpfungspunkt für das Publikum. Ebenso kennzeichnend ist die Bereitschaft, sich körperlich zu exponieren, den eigenen Körper mit medientechnologischen Tools in Interaktion zu bringen und dadurch Möglichkeiten und Gegebenheiten performativer sowie medialer Repräsentation anhand der eigenen Präsenz zu befragen. In den letzten Jahren sind aufgrund von Aufenthalten in Indien vermehrt translokale Bezüge in den Fokus gerückt, die die Künstlerin meist in kooperativen Arbeiten aufgreift.

Mit Performerinnen wie Andrea Saemann, Pascale Grau oder Gisela Hochuli teilt Dorothea Rust ein starkes Interesse an der künstlerischen Tradierung von Performancekunst, wobei die theoretischen und historischen Bezüge in ihren Arbeiten oft eine spielerische, teilweise auch ironische Übersetzung erfahren. Das Arbeiten in Werkgruppen (beispielsweise der Anna-Zyklus, 2010–2014, animoteur 1–4, seit 2015, oder Übung/Exercise, seit 2015) bezeugt eine Strategie, die grundsätzlich konzeptuell angelegt ist und Live-Performances sowie deren mediale, teils auch installative Weiterschreibungen als gleichwertige und gleichberechtigte Formungen derselben Ausgangsidee verfolgt.

Werke: Kunstsammlung Kanton Zug.

Irene Müller, 2017