un-sichtbare choreografien, 2025 — Performance mit Lara Stanic
ein Mix aus Lecture, Aktion, Experiment und Improvisation mit Bewegung und Sound
* Holzstücke als Resonanzkörper | Bemalung mit Vorlage einer Nematode (Fadenwurm) *
Technisch-kompositorisch-choreografische Grundlagen der Performance
Die Bodenwissenschaftler:innen nutzen verschiedene Instrumente, um Bodenproben zu entnehmen und Mikroorganismen zu untersuchen. In der Performance «un-sichtbare choreografien» entwickelt Dorothea Rust ein Bewegungsvokabular, das sich an den Bewegungen und der Mikroorganismen orientiert. Die Bewegungen sind im Labor mithilfe verschiedener Mikroskope sichtbar.
Lara Stanic bringt ihr Interesse für den Zusammenhang zwischen Bewegung und erzeugtem Klang in diese Arbeit. Der Einsatz von Technik, wie beispielsweise das extrem empfindliche Bodenmikrofon, ist oft eine veränderte Abbildung der Realität. Die Geräusche der Mikroorganismen im Boden müssen verstärkt werden, um sie hörbar zu machen. Durch die Verstärkung werden die Geräusche bereits manipuliert.
Zudem eröffnet die digitale Klangerzeugung die Möglichkeit, jeden erdenklichen Klang mit jeder erdenklichen physischen Bewegung bzw. Aktion zu generieren und zu beeinflussen. In der Performance «un-sichtbare choreografien» arbeitet Lara Stanic mit extremer Verstärkung, Deplatzierung des verstärkten Klangs sowie mit Manipulationen des Klangs durch Bewegung bzw. Aktion. Der Körper und die Stimme der Tänzerin/Performerin sind mit kleinen Funkmikrofonen ausgestattet, sodass sie sich frei bewegen kann. Die Geräusche ihrer Bewegungen und ihrer Stimme werden verstärkt und sind aus portablen Lautsprechern hörbar. Lara Stanic bewegt die Lautsprecher im Raum und Gelände. Dazu agiert sie mit einem Handprobebohrer. Dieser ist mit mobiler Live-Elektronik präpariert: ein Smartphone mit einer App, welche das Audio-Sampler mit Kompass- und GPS-Sensoren verbindet sowie einen Lautsprecher. Durch die Aktionen, verschiedenen Positionen im Gelände und die Bewegungen mit dem Handprobenbohrer werden die gesampelten Mikroorganismen-Klänge unterschiedlich abgespielt und zusätzlich in Echtzeit moduliert (verändert) sowie neue Klänge und Geräusch generiert.
Beschrieb der Performance
Die Performance «un-sichtbare choreografien» in Zusammenarbeit mit der Soundkünstlerin Lara Stanic ist ein Mix gewesen aus Lecture, Aktion, Experiment und Improvisation mit Stimme, Bewegung und Sound. Sie ist eine irdische Choreografie, eine Komposition über die unsichtbaren und unhörbaren Bewohner unserer Erde, die unsichtbbaren Bewohner der menschlichen Körper und über die menschlichen Aktionen auf der Suche nach Erkenntnissen.
Wie mit Soundobjekt und Performance eine Welt hörbar und somatisch erfahrbar machen, die sehr gross und uns eventuell fremd ist, dass Erde und keine passive Substanz, Bodenorganismen und ihre Umgebung, ja ihr ‚Milieu‘, in dem sie leben, aktive Akteurin:nen sind, die am eigentlichen Prozess ihrer Materialisierung teilhaben?
Die Performance begann draußen, in der Maschinenhalle; das Publikum musste die Aktion mit den Lichtern ihrer iPhones beleuchten. Anschließend führte die Performance das zahlreiche Publikum (ca. 60 Personen) ins Innere, von dort ins Untergeschoss und durch die gesamte Ausstellung. In der Performance verwendeten die Künstler:innen Instrumente, die auch Wissenschaftler:innen verwenden, wie beispielsweise einen Bodenprobenehmer und eine mobile Kühlbox. Dorothea rezitierte einen Text über den menschlichen Körper und die Organismen unter unseren Füßen und übersetzte ihn gleichzeitig in Bewegung. Lara Stanics Klänge, die auf dem Synthesizer des iPhones erzeugt wurden – das iPhone war auf dem Bodenprobennehmer montiert –, traten dann in einen sich ständig verändernden Dialog mit Dorotheas Text und Bewegungen. Außerdem waren Aufnahmen der Geräusche von Bodenorganismen zu hören.
Der letzte Teil führte zurück zum Eingangsbereich. Holzstücke unterschiedlicher Größe von einem Baum, der von Organismen zersetzt worden war, wurden von Dorothea längs unter einem langen Tisch ausgelegt. Das Publikum wurde eingeladen, sie zu 'spielen': An ihnen angebrachte Tonabnehmer machten subtile Bewegungen auf den Holzstücken hörbar, so auch wenn die Holzstücke ohne Tonabnehmer ans Ohr gehalten und sanft mit den Fingern darüber gestrichen wird; die Holzstücke werden zum Resonanzkörper.
Eine Performance, die gleichzeitig ein Konzert war und das große Publikum in Bewegung brachte.
Während der Performance waren alle künstlerischen Arbeiten der Künstler Barbara Bietenholz, Ursula Palla, Jill Scott und Sandro Steudler sowie meine Installation im aktiven Modus, was bedeutet, dass alle künstlerischen Arbeiten ebenfalls Teil der Performance wurden.
Aus dem Text-Skript
dort draussen
das andere und die anderen ?????
world-views are human-flavored
nach Mensch-Geschmack
gemenscht geschmackt gemacht
da drinnen ich, du, ihr, wir, hier
Körper-Ge-Schichten mit Haut und Haar und Zähnen, Muskel-Fleisch Blut- und Nervenbahnen, Kapillaren und Kreisläufen, Faszien, Knochen, Knorpel, Bänder, Sehnen Organen Flüssigkeiten Hormonen, Enzymen Mineralien, vielen Flüssigkeiten und Tausende von Milliarden Körperzellen erzählen
wir bio, öko, makro ,mikro ???
biologisch gesehen
keine Individuen
nie nie allein
bevölkert bewohnt-behaust
gut und gerne
von bis zu 39 Tausend Milliarden
Bakterien, Einzeller, Pilzarten
ohne Mikroskop nicht sichtbar
Performance-Text-Skript un-sichtbare choreografien
Unterstützung für Recherche
. Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL: Dr. Aline Frossard und Dr. Irene Cordero
. Bemalung der Performancebekleidung: Hili Leimgruber
. Interaktives Objekt: Lara Stanic, Soundkünstlerin