L'animoteur 1

kinetische Bildarbeit

Hintergrund des Titels und Inhalts von «L'animoteur ...» für eine Reihe von Bild- und Performance-Arbeiten

"L'animoteur 1" ist das Ausgangswerk der Reihe "L'animoteur 1 bis 11", mit bildnerischen Arbeiten, Performances und Interventionen in Ausstellungsräumen und (halb-)öffentlichen Räumen.

Seit 2015 beschäftige ich mich in Performances, Interventionen und Bildarbeiten mit dem Esel. In diesen Projekten untersuche ich die verschwimmenden Grenzen zwischen Mensch und Tier und anderen Wesen. Die Titel dieser Arbeiten beziehen sich auf Derrida's Rede/Diskurs «l'animal que donc je suis» («Das Tier, das ich also bin», «The Animal That Therefore I Am»)*1. In dieser Rede verwendet Derrida das Portmanteau-Wort «l'animot»: Die Gewalt, die dem Tier angetan wird, beginnt mit dem Pseudo-Konzept «das Tier», dieses Wort wird im Singular verwendet, als ob alle Tiere, vom Regenwurm bis zum Schimpansen, ein homogenes Ganzes bildeten, dem der «Mensch» radikal entgegengesetzt ist. Wie in einer Antwort auf diese Gewalt verwendet Derrida dieses Portmanteau-Wort «l'animot». Es wird berichtet, dass die französische Philosophin und Schriftstellerin Hélène Cixous 1976 zum ersten Mal «l'animot» benutzt hatte. Dieser Neologismus, dieses Wort, das nicht übersetzt werden kann, ist für Cixous ein Wort-Tier.*2

Ich verwende Jacques Derrida's und Hélène Cixous' portemanteau-Wort im Titel «L'animoteur ..». Der Titel ist wieder ein Portemanteau-Wort. Es steht für das Klima, das im Milieu einer (performative) Situation entsteht und dieses gleichzeitig immerfort umlenkt:

L'âne ist das französische Wort für Esel. In diesen Performances und Installationen eröffne ich ein somatisches Wissensfeld über den Esel, dies geschieht mit Sprache, Bewegungsgesten und Aktion. Der Esel ist keine Metapher, der Esel ist ein lachender mit großen Ohren, und als solcher steht er auch nicht naturalistisch leibhaftig da, sondern ist ein umlenkender Umdenker.

L'animateur ist das französische Wort für eine Person, die als Animator im soziokulturellen Kontext und auch als Schöpfer von Animationsfilmen arbeitet. Last but not least ist in 'l'animoteur' auch das Wort 'moteur' enthalten, das das französische Wort für Motor ist. Die performative Situation übernimmt die Funktion eines Animators und ist als solche ein Motor für das Klima in ihrem Milieu.

Durch meine Neugierde für das Thema Esel komme ich seither mit Menschen in Kontakt. Ich erfahre und sammle Fakten, ich höre ihre Geschichten, lerne so mehr über die verschiedenen ökonomisch-logischen und kulturellen Werte und Zusammenhänge von Eseln in verschiedenen Welt-Regionen.

*1 bezieht sich auf Jacques Derrida's 10-stündige Rede von 1997 über das autobiographische Tier, die rückwirkend transkribiert wurde.
*2 «Hélène Cixous. Gespräch mit dem Esel. Blind schreiben» mit zwei Ergänzungen. Herausgegeben von Esther Hutfless & Elisabeth Schäfer, Zaglossus e. U., Wien 2017. Anmerkungen aus den Ergänzungen der Herausgeberinnen (S. 62)

Die Bildarbeit

Eine Bildszene, die ich in der ATACAMA-Wüste, der trockensten Wüste der Erde, vorgefunden, aufgegriffen und mich selbst zu ihr hinzugefügt habe, zeigt nun einen toten Tierkörper (Esel), der auf der Seite liegt, und einen menschlichen Körper, der auf dem Bauch liegt und dessen Kopf dem Tier zugewandt ist.

Der Bildträger ist mittels einer Schraube durch den Mittelpunkt des Bildes an der Wand befestigt. Eine Öse verstärkt die Schraubenführung. Auf der Wand und hinten am Bild sind zwei identische viereckige Platten angebracht. Das Bild lässt sich im 360 Grad-Winkel endlos drehen. Die flirrende Rotationsbewegung bringt das Bild immer wieder in eine andere Lage. Es soll bei den Betrachter/innen im Kopf eine Bewegung auslösen, oder sie evtl. animieren, die Beweglichkeit und das Einpendeln des Bildes in eine Lage selber zu untersuchen. Nach dem Abebben der Drehbewegung kommen die beiden Körper in einem neuen Winkel zum Stehen und zeigen sich so immer wieder in einer anderen Konstellation im Raum.

Einerseits wollte ich die Instabilität des Bildes hervorrufen und damit auch den Blickpunkt des Betrachters in Frage stellen. Sein Eingreifen stört das Bild und verletzt es eventuell auch – die Bildfläche ist auf eine Stadurplatte, auf ein sehr leichtes und unbeständiges Material aufgezogen. Andererseits stelle ich mir die Frage, welche Identität haben diese beiden Körper, wo zerlaufen/verlaufen ihre Grenzen, die Grenzen zwischen Mensch und Tier. Zwischen dem Kopf des Tierkörpers und dem Menschenkopf könnte eine Scheitellinie, die durch das Bild hindurchgeht, gesehen werden. Das Loch in der Mitte ist sozusagen ihr Stellvertreter geworden.

Erweiterter Kontext und Reichweite der Bildarbeit

Die Bildarbeit «L'animoteur 1» und die Performance «L'animoteur 2» haben Katharina Bochsler von SRF 2 zur sechsstündigen Hörpunkt Sendung «Der Esel, der älteste Kleintransporter der Welt» inspiriert.