Anna IX — what is real?
Intervention
Reportage von Monica Klingler
Im Eingang des PAP, des Zentrums des ZAZ Festivals ruft Dorothea immer wieder gut höbar «I am going». Sie trägt Jeans, mit hüfthohen Fischerstiefeln und mit einem hellblauen Nylon Sack am einen Handgelenk baumelnd. Sie bewegt sich mit grossen Schritten, oder an Wänden anlehnend, recht eigentlich den Raum, den Ort mit ihrem Körper ausmessend, dessen Berührung und Spuren in sich sammelnd zu uns zurückgewendet, und spricht uns an : «I want to feel, I want to meet this place.» Sie hängt sich an ein Vorhängeschloss einer geschlossenen Verkaufsbude und rezitiert die Reiseempfehlungen des EDA (Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten) für Israel für Schweizer Bürger/innen, die sie vor ihrer Abreise gelesen hat. So etwa, dass Reisen nach Israel mit Risiken verbunden sind und im ganzen Land zu erhöhter Vorsicht geraten ist, vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln, Strassencafés und Restaurants im Erdgeschoss, in Einkaufszentren und viel besuchten Plätzen und grossen Menschenansammlungen und man Demonstrationen jeder Art und auch Aufenthalt in der Nähe der Grenzen meiden solle.
Die New Central Busstation ist ein riesiges labyrinthisches Gebäude, welches in den siebziger Jahren mit grossem Ehrgeiz als gösste Busstation und elegantes Shopping Zentrum und Kino Zentrum gebaut wurde. Das Projekt hat nie wirklich funktioniert. Die Kinos waren gerade 3 Monate offen, die Läden sind fast alle zu, nur die Busstation ist wirklich funktional. Ansonsten spielt dieser Ort jetzt die Rolle eines Treffpunktes für die Immigranten in Israel. Filippino Hausangestellte treffen sich hier am Sonntag zum Karaoke, gehen zum Friseur, Menschen aus verschiedenen Afrikanischen Staaten treffen sich hier in ihrer Freizeit.
Dorothea schlängelt sich vor uns an leeren Ladenkuben vorbei in den mittleren, mehrere Stockwerke hohen Raum, wo gerade neben Billig-Mode Weihnachtsbaum Schmuck und Plastik Tannenbäume feil gehalten werden. Am Samstag Nachmittag, nach dem Shabbat, öffnen sich hier langsam die Läden und ein immer regeres Treiben entsteht.
Dorothea hält erstmals neben diesen Tannenbäumen inne, berührt und betrachtet sie und uns und singt «Oh Tannenbaum» auf Deutsch, sie geht von einem Baum zum andern und übersetzt schliesslich bei einem blauen Tannenbaum den Text halb singend auf Englisch, Grün tauscht sie mit Blau um, dann bewegt sie sich weiter zu dem Stand einer Araberin, welche eine Spezialität vor Ort kocht, sie drappiert sich im Vorbeiweg um deren Tresen und begrüsst die Frau. Ihr Auf-Leute-Zugehen ist immer sehr direkt und gleichzeitig respektvoll. Sie kreiert eher eine vertauensvolle Stimmung, manchmal Indifferenz, aber nie Aggression. Weiter vorn berührt sie einen leeren Tisch und sagt hier könne man sonst Gittarren für 100 Shekel kaufen, das scheint absurd billig. Sie begrüsst dann den Verkäufer nebenan und gleitet unter einen der runden Kleiderständer, verschwindet und kuckt unten hervor, uns an, und sagt es sei eine interessanter Blickpunkt auf die Kleider, von unten, fordert uns auf, es zu probieren. Sie macht einen Spagat und steht wieder auf, bewegt sich den Ständen und Konturen entlang zu einer langen Rolltreppe, die quer im Raum zum oberen Stock führt, sie fordert uns auf ihr zu folgen und steigt auf die Rolltreppe. Sie weist weiter oben auf eine gezeichnete Rose in einem Winkel neben der Rolltreppe, steigt dann nochmals rückwärts, Leute verschiebend und mit der Frage wie wohl die Rose dort hin gezeichnet wurde.
Sie lädt uns ein, die nächste Rolltreppe zu betreten und wir erreichen den 6. Stock, wo die meisten Busse ein- und ausfahren. Eine lange Reihe von Bänken den Fenstern entlang, wartende Menschen darauf und rundherum. Dorothea nähert sich der ersten Bank, setzt sich auf die Rückenlehne und spricht die dort sitzenden Personen an, begrüsst sie: “«May I, I won t hurt you» und sie lässt sich nach hinten kippen, rollt über ihre Schulter rückwärts und landet vor der Bank auf ihren Füssen. Eine erstaunliche Bewegung, wir Zuschauer sind erstaunt, die Sitzenden sind erstaunt, werden Verbündete in unserem Staunen, sie wiederholt und wiederholt diesen Vorgang. Verschiedene Reaktionen der Wartenden, es gibt Handschütteln und kurze Gespräche, andere, wenige weichen zurück. Dorothea gibt nie auf und findet immer einen Weg, ihre Rückwärtsrolle zu vollziehen, ohne jemanden damit zu sehr zu provozieren oder inkommodieren. Wir fangen an zu begreifen, dass sie die ganze Reihe durchgehen wird, immer mehr Komplizen schauen ihr dabei zu, sehen all diese verschiedenen Reaktionen der Reisenden. Sie bestätigt unseren Verdacht: «Naturally, having started this, I want to go to the very end.» Ein mit Frauen besetzter Bank: sie wollen ihr keinen Platz einräumen, verstehen nicht, sie beharrt, ohne Agression, bis eine junge Frau versteht, was sie will und sich erhebt, ihr einen Platz einräumt. Die letzte Bank ist überrollt, sie führt uns in den daneben liegenden Raum, ein von Tischen und Bänken besetzter Raum mit nahöstlichen Fastfood Buden. Immerwieder interessierte oder fragende, scheue oder herausfordernde Blicke von den Dasitzenden oder Vorbeigehenden, Bemerkungen hinter vorgehaltener Hand oder direkt zu uns hin. Dorothea rutscht in eine Bank unter dem Tisch durch, macht uns auf die Bodenfliessen aufmerksam, sie sehen aus wie Landkarten. Finden wir die Schweiz? Israel? Diese sieht aus wie Italien, sie schlängelt sich weiter, ein Spielapparat mit einem Video darin: «Here is the show», sie verweist uns auf das Spiel auf dem Monitor, bleibt einen Moment still, fegt wieder weg und weiter, an Läden und Ständen vorbei, bittet einen Verkäufer von elektronischen Geräten um Musik und lädt ihn gleich zum Tanzen ein, er mag nicht, sie frägt einen Passanten nach dem andern, zwei Zuschauer machen sich ans Tanzen, endlich stimmt kurz ein Passant ein mit ihr zu tanzen, geht dann lachend weiter, viele lachende und lächelnde Gesichter.
Sie ruft dem Verkäufer «thank you» zu und verschwindet eine Rolltreppe hinunter, wir folgen ihr wieder hinunter in den 4. Stock, sie begrüsst Leute schlängelt und faltet sich der Architektur entlang, zeigt uns ein an der Wand klebendes farbiges Herz: «I would like to take this heart, do you want me to take it or to leave it?» Einige Zuschauer wollen nicht, dass sie es mitnimmt, sie geht weiter, legt sich quer in den nächsten Gang und rollt eine ganze Weile. Geht wieder und stellt sich in der Nähe des Eingangs unseres Lokals vor ein Säule. Irgendwann dazwischen hat sie aus dem blauen Sack eine blaue Daunen Jacke gezogen, sie eine Weile um die Hüften geknüpft getragen, dann schlussendlich angezogen. Nun zückt sie ein Taschenmesser und schneidet viele Schlitze hinein, sie drückt und zieht die Jacke, singt «es schneielet, es beielet» während die Daunen herausfliegen und segeln und ein weisser, flaumiger Haufen um sie entsteht. Sie lässt das Bild einen Moment so stehen und sagt nachher sich verbeugend «Thank you».