Anna XI

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Reportage von Bernadett Settele

Dorothea Rust, uns in langen Schritten über die Wiese führend, zum Rand des Teerplatzes, teilt Dinge aus: ein Federkissen, ein Messer, blaue Fettschminke, gibt Anweisungen, macht aus uns Kompliz_innen. Wenn möglich, mit dem Messer ins Kissen stechen. Wo es geht, die Schminke auf mir verteilen. Mir folgen. Wir tragen Schilder mit Eulen, Tieren, mit Sprüchen von YouTube: «This video has been removed because its content violated YouTube’s Terms of Service. :∖» Dann geht sie los, mit dem Kissen, rennt, schmeißt sich hin unter den Bäumen. Ein paar, die in Interaktion treten, ein Grüppchen von Zuschauenden und als Zuschauende Markierten hinter sich herziehend. Feierlich, seltsam komme ich mir vor, wie wir so als stumme Eulen um das Geschehen herumstehen.

Die Jungs aus Neu-Oerlikon, die zu uns gestoßen sind, fühlen sich entgrenzt. Da wälzt sich eine im Nachthemd mit einem Kissen herum, am hellichten Tag. Ein Messer, wie Gewalt. Die Erlaubnis, zu berühren. Sie machen Sprüche. Dorothea Rust wird schneller, geht, rennt, schmeißt sich hin. Als wir alle auf der Straße stehen und der Bus kommt, ist es einer der Jungs, der sie warnt.

Langsamer schneiden, sagt sie zu der Person mit dem Messer. Weiter geht, rennt, wankt, fällt die Prozession. Dem Federkissen nach. Wir rennen ihr hinterher über den unwirklichen Kiesplatz zu dem langen geraden Betonbrunnen, in dem das Wasser wie in einem langen offenen Kanal träge entlangrotzt, erst seicht, dann tiefer, und hinten in einen Gulli fällt. Dorothea liegt schon drin, quer, wird nass, wälzt, rollt sich entlang und deklamiert wieder irgendetwas – volare? – cantare! –, singt es heraus, gebrochen und dann bellend, schallend: Nel blu dipinto di blu; felice di stare lassù. … Singt sich so voran, gluckert, wälzt sich – und wird ganz nass – während sich die Federn im ganzen, träg fließenden Brunnenrohr verteilen, ihr voranschwimmen und von hinten auf sie draufgeschwemmt werden. Die Jungs sind still. Wir haben unsere Schilder abgestellt. Damit hat ja nun niemand gerechnet, so ein verrückter Vogel in unserem Quartier. Dorothea Rust hebt sich aus dem Wasser. Wir schauen weiter den Federn zu. Und irgendwann fangen wir an, von den Kindern Sandsiebe zu organisieren, Besen zu holen und Schaufeln, um diese Federn wieder zusammenzusammeln.

Aufgezeichnet von Bernadett Settele mit Hilfe zweier Mediarecherchen: Der Satz «This video has been removed because its content violated YouTube’s Terms of Service. :∖» stammt von youtube.com, und die Lyrics von Volare Cantare von Fred Buscaglione von der Site songtexte.com. «Penso che un sogno così non ritorni mai più. Mi dipingevo le mani e la faccia di blu. Poi d’improvviso venivo dal vento rapito, e incominciavo a volare nel cielo infinito … Volare, oh oh. Cantare, oh oh oh oh. Nel blu dipinto di blu; felice di stare lassù.»

Reportage von MIRZLEKID

Meine Beobachtung zu deiner Kunstaktion an der Fünften Performance-Reihe Neu-Oerlikon im Oerlikerpark Zürich am Samstag, 20. September 2014.
 
Deine Kunstaktion hatte für mich etwas Sprengendes, etwas das in Ritualen vorkommt oder zu einem Ritual werden könnte. Man wähnte sich an einem Opferritual. Mir schien du hast dich stark gehen lassen und warst in Trance.
 
Durch die starke Beteiligung resp. Aussen Präsenz der Jugendlichen bekam die Kunstaktion etwas Unberechenbares und Gefährliches.
 
Deine Warnung zu Beginn der Kunstaktion, dass es Vorkommnisse geben wird, die nicht für Kinder geeignet sind und man deswegen anwesende Kinder begleiten solle, hat meines Erachtens sehr zur Entwicklung des Ablaufes der Kunstaktion beigetragen.
 
Ich denke dass das Miterleben deiner Kunstaktion für die Jugendlichen etwas Pädagogisches bekam. Sie sahen dass Erwachsene, in einem besonderen Rahmen, im öffentlichen Raum etwas machen, wo verboten ist, oder wovor sogar gewarnt wird und dass das Kunst sein kann. Oder als Kunst benannt wird.
 
Warum ich deine Arbeit als Kunstaktion bezeichne:

Kunstfachbegrifflich definiert handelte es sich eher um eine Kunstaktion oder ein Happening als um eine Performance, weil du anwesende Personen zu Mitperformern/innen gemacht hast.

Zürich, 19.10.2014 MIRZLEKID