Martinsberg II

For Ann - Promenade Architecturale


Aus dem Programmblatt

Ausgangspunkt für «For Ann – Promenade Architecturale»ist eine Fotografie der Wendeltreppe aus dem Jahre 1953, die anlässlich eines ‹Belastungstests› mit Lehrlingen erstellt wurde. Nun wird die Wendeltreppe erneut einer poetischen ‹Belastungsprobe› zugeführt. Mitglieder des Vokalensembles Vocalino Wettingen, versammeln sich auf der Wendeltreppe, um ein recht eigenartiges – zur Wendeltreppe sehr passendes – Stück anzustimmen: Das GingerEnsemble adaptiert das elektronisch erzeugte Stück «For Ann» des US-amerikanischen Komponisten James Tenney aus dem Jahr 1969 für gemischten Chor. Dem Stück «For Ann» von James Tenney liegt die «Shepard-Skala» zu Grunde. Die «Shepard-Skala», benannt nach dem Psychologen Roger Shepard, ist die Illusion einer unendlich ansteigenden oder abfallenden Tonleiter, die niemals die Grenze des eigenen Hörens übersteigt. Erreicht wird dieser Effekt durch eine Anzahl verschiedener Sinustöne (meistens sind es mehr als acht), die in der Frequenz langsam ansteigen bzw. abnehmen und zyklisch untereinander durch ein langsames zeitlich versetztes An- und Abschwellen der Lautstärke ausgetauscht werden.

Die vier Teile der Komposition, die sich aus den Stationen der «Promenade Achitecturale»ergeben (I. Wendeltreppe – II. gedeckte Innentreppe – III. Gartensaal – IV. Treppe zur Esshalle) werden durch die Aufführung von John Cage’s «4’33“» gegliedert: Drei Versionen dieses Stückes aus dem Jahr 1952, dem Baujahr des Gebäudes  werden zu eigentlichen Wahrnehmungsübungen der umgebenden Geräusche. «4’33»ist ein Kristallisationspunkt der Musikgeschichte, seit 1952 wird Musik und insbesondere die Neue Musik wirklich neu gedacht.

Die musikalischen Parts und Aktionen von Chor, GingerEnsemble und den Tänzern Dorothea Rust und Ivan Wolfe sowie das Libretto von Birgit Kempker sind getrennt von einander entwickelt worden und bleiben als solche unverbunden. Die Zeitstruktur von «For Ann – Promenade Architecturale» organisiert sie und fügt sie zu einem Gesamtbild und -Hörerlebnis.

Zum Bewegungspart

Im ersten Teil, im Eröffnungsbild auf der Wendeltreppe in der Vorhalle, sind Ivan Wolfe und ich als Teil des Chors auf der Treppe positioniert; hier singt der Chor die Glissandi absteigend. Während er sich zur gedeckten Innentreppe begibt und das GingerEnsemble beim Hinabsteigen der Treppen synthetische Glissandi ‹spielt›, die aus auf den Rücken gebundenen Lautsprechern schallen, gehen Ivan und ich Seite an Seite nebeneinander her. Bewegungsschlaufen in die Vorhalle zeichnend variieren wir die Schrittlängen und die Abstände zwischen uns, entfernen uns manchmal sehr weit von einander, bleiben aber immer aufeinander bezogen.

Im zweiten Teil steht der Chor Spalier, links und rechts auf der Innentreppe verteilt. Während des Stille-Stücks «4’33’’» von John Cage steigen Ivan und ich ganz langsam die Treppe hoch, an den Chormitgliedern vorbei: Die Füsse setzen wir unregelmässig auf, der Rhythmus ist leise gebrochen und wird vom langsamen Fluss des Treppen-Hinaufsteigens während der ganzen Dauer von «4’33”» aufgesogen. Danach stimmt der Chor wieder die Glissandi an. Birgit Kempker spricht, ja rappt den Wortlaut ihres Librettos, der sich lautmalerisch durch alle Arten von Treppen schlängelt und ihnen leibhafte Form gibt. Die Mitglieder des GingerEnsemble regulieren ihre synthetischen Glissandi, während sie sich lose über die Treppen bewegen. Ivan und ich lassen uns sachte, beinahe gleitend in sichtbar gehaltene Positionen fallen – wir geben im Abwärtsgang bewusst der Schwerkraft nach. Halb liegend und sitzend oder in der Fluchtlinie der Treppe bäuchlings kopfabwärts, aber auch schon mal quer über die Treppe ausgestreckt bewegen wir uns zu den aufsteigenden Glissandis des Chors etappenweise nach unten.

Für den dritten Teil im Gartensaal hat sich das GingerEnsemble an vier Tischen positioniert: Die verstärkten Pflanzenklänge der  Kompositionen von Cage werden von Ivan und mir durch improvisierte Bewegungseinheiten gespiegelt. In der Komposition von Klara Schilliger werden wir zusammen mit den Musikern und Musikerinnen Teil des Gläser-Orchesters.

Im vierten Teil ist das ganze Ensemble auf der Treppe zur Esshalle verteilt. Der Chor singt nochmals die Gilssandi und Birgit Kempker trägt lautmalerisch eine weitere Treppenschlaufe aus dem Libretto-Text vor.

Partitur und Programmblatt