24h


Diese Performance dauert von Samstag Vormittag bis Sonntag Vormittag und beginnt mit einer grossen Frühstückstafel. Eine Mitarbeiterin eines lokalen Radiosenders ist anwesend und stellt Fragen zu unserem Vorhaben. Die teilnehmenden Künstler*innen, die im gleichen Raum bei diesem 24-Stunden-Happening Aktionen und Performances machen werden, habe ich vorher noch nie getroffen. Die im 19. Jh. erbaute Villa Lentz bietet Rahmen und Setting. Die Innenräume mit schwerer Holzverkleidung und reich verzierten Stukkaturdecken sind vernachlässigt und wirken heruntergekommen; die Mauern bergen eine wechselhafte Geschichte. Wir richten uns im Erdgeschoss in drei Räumen ein: im grossen Salon, im Theaterraum und im Schreibsalon. 

Wie die anderen Teilnehmer*innen auch, lege ich an einem ausgewählten Ort eine Auswahl meiner mitgebrachten Materialien bereit: schwarze Herrenschuhe, graue, wildlederne Arbeitshandschuhe, zwei Eimer, 2 kg Äpfel, einen Holztisch, Holzschnitzwerkzeug, weisse Blätter und Filzstift, Klebstreifen, ein Seil und Schnur. Draussen im Park habe ich einen grossen Bund Äste versteckt. Ich lasse es offen, wann und wie ich dieses Material einsetzen werde. In den ledernen, ausgetretenen und eisenbeschlagenen Herrenschuhe, die ich die ganzen 24 Stunden tragen werde, beginne ich zu gehen, verschiebe mich sachte auf dem Boden und (er-)finde Schritte, Als hörbare Zeichen vermischen sich meine Schritte mit den Aktivitäten der Anderen. Meine weiteren Aktionen und Bewegungsphasen entwickeln sich aus dieser ersten Situation. Immer wieder kehre ich zu dieser klaren Geste des Gehens zurück und kann so das ganze Geschehen überblicken und beobachtend reagieren. Performances und Aktionen aller Künstler*innen überlappen miteinander, daraus ergeben sich Interaktionen und Begegnungen, auch mit dem Publikum. So entstehen ein Katz-und-Maus-Spiel mit einem filmenden Besucher, mit einem anderen verstrickt sich mein Körper bei der Fortbewegung in komplizierten Verschränkungen. Während ich im Park auf der Umfriedungsmauer stehe, entsteht mit einem Performer, der im Salon am Fenster steht und mit Blick nach draussen sein Gesicht mit Plastikpuppen zuklebt, ein Gestengespräch auf Distanz. 

Ich verwende die Arbeitshandschuhe als Fuss-Flossen, die Äpfel schiebe ich unter mein T-Shirt und lasse sie herumpurzeln und meine Körperform verändern. Währenddessen halte ich vor den Anwesenden eine Brandrede über die vorzüglichen Qualitäten von Äpfeln und bitte sie anschliessend, das Wort «Apfel» in ihrer Sprache auf ein Blatt Papier (in Polnisch, Persisch, Portugiesisch) zu schreiben. 

Im Verlauf der Nacht, während mehrere Stunden schnitze ich Kerben um Äpfel, die ich auf einem Holz-Tisch ausgelegt. Mehrmals kaure ich mich unter den Tisch und verschiebe ihn mit meinem Rücken an einen anderen Ort. Dann setze ich mich an den Tisch und beisse in jeden einzelnen Apfel, ohne ihn mit den Händen zu berühren oder zu halten. Es dauert lange, bis ich jeden Apfel mehrmals angebissen habe. Auch die Zuschauer*innen schliessen sich dieser Tätigkeit an. Den Tisch mit den angeknabberten Äpfeln lasse ich bis zum Morgen so stehen. Wie alle anderen Beteiligten lege ich mich kurzzeitig auf ein Sofa oder setzte mich in einen Stuhl, abwechselnd döse ich und schaue den anderen Performer*innen zu. Später kippe ich den Tisch auf zwei Beine, wobei ich sein labiles Gleichgewicht mit dem dritten Bein, dem ein Ziegelstein unterlegt ist, abstütze. Die Schnitkerben erinnern im Streiflicht des heraufdämmernden Morgens an Fressspuren eines Wurmes, die dieser im Apfel hinterlässt. Die restlichen Zeit bis um 11 Uhr widme ich der Herstellung einer Apfel-Kette: Ich steche mit dem Schnitzwerkzeug jeweils ein Loch in die Äpfel und reihe sie an einer Schnur auf; diese Kette lege ich mir um den Hals und trage sie bis zum Frühstück, mit dem das 24-Stunden-Happening endet. Das Apfelfleisch ist inzwischen braun geworden. Die Radio-Mitarbeiterin ist nochmals zurückgekehrt und führt mit den Teilnehmenden Interviews zum Verlauf des 24- Stunden-Happenings.