Die gerahmte Gegenwärtigkeit der Kunstrezeption. Einsichten für die künstlerische Kunstvermittlung.

Die gerahmte Gegenwärtigkeit der Kunstrezeption. Einsichten für die künstlerische Kunstvermittlung.

Settele Bernadett. «Die gerahmte Gegenwärtigkeit der Kunstrezeption. Einsichten für die künstlerische Kunstvermittlung». In Kunstvermittlung im Museum. Ein Erfahrungsraum, herausgegeben von Kristine Preuß, Fabian Hofmann, und Waxmann Verlag, 135–147. Münster: Waxmann, 2017

 

Kontexte

Kunst ist so sehr unvermittelt wie ich einfach so Subjekt. Sie ist kulturell (mit-)bedingt, wenn auch nicht determiniert; von dieser Erkenntnis der Sozial- und Ideengeschichte möchte und muss ich ausgehen: Selbst Faszination und Einfühlung, lange als Belege der Unmittelbarkeit gehandelt, sind kulturell modulierte Phänomene. Wer fällt schon heute noch in Ohnmacht? Aber wen befällt nicht eine gewisse Ruhe in der Stille von Kunsträumen, in den heiligen Hallen und Orten von Ritualen des Rezipierens? Aus der Tatsache, dass unsere Rezeption den Konventionen ihrer Zeit folgt, entwickeln viele künstlerische Arbeiten ihre Wirkmacht, ihre Hebel und ihre Strategien, obschon Akteur/‑innen bzw. Kunstschaffenden das, was sie anstoßen, meiner Ansicht nach nicht als Intention oder Kalkül angerechnet werden kann. Gewisse Irritationen überdauern die Zeit, andere werden, wenn überhaupt, erst im Nachhinein ersichtlich. Manche Konzepte wirken dadurch, dass sie einen zeitlosen Raum oder eine nostalgisch-rückwärtsgerichtete Stimmung erzeugen. Andere bemühen sich um Direktheit. Latifa Echakhch scheint mir in ihren Installationen den Topos der Produktion als eine Figur des Danach, als Zuspätkommen der Betrachter/‑in zu erzeugen: mit Arrangements, die immer „gemacht“ und „verlassen“ aussehen. Die vorgebliche Neutralität von Galerieräumen wird damit als Kälte, als Menschenleere, als Bühne vergangener Akte umgedeutet, von Akten, die schräge Spuren ohne Sinn hinterlassen. Die Schweizer Performerin Dorothea Rust nimmt kernig-ländliche Sujets wie die Apfelernte und das Klettern, das Hantieren mit einem langen Seil oder einer Heugabel auf, um daraus Formen der Improvisation zu entwickeln, in denen sie Theorie verhandelt. Rusts Arrangements aus Körper, Raum, Bewegung und Objekt sind ein „bildlich gewendete[s] Zitieren“ (Krämer 2008, S. 18 f.) von Gedanken, das das aktuelle Primat der Theorie in der Kunst nicht sprengt und doch verschiebt, während es sich lustvoll verausgabt: kletternd, rennend, fallend, sich schmutzig machend, zitierend.

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