Statement zum Verfassen von Texten zu aktuellen Performances

von Dorothea Rust

Statement zum Verfassen von Texten zu aktuellen Performances

publiziert in APRESPERF — Plattform für Texte zu Performances / Statements


Augenzeugin ist kein Beruf, könnte aber mit Nachdruck das Anwesend-Sein zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort meinen – zufällig hineingespült in ein unangekündigtes Ereignis oder auf Ankündigung und Einladung aus eigenem Impuls heraus im Rahmen von einem «act/e».

Eine Augenzeugin ist zuerst als Zeugin Teil eines Geschehens und mitverantwortlich für das, was sie sieht, nicht zuletzt auch für die Situation, die aus dem Ruder laufen könnte, ihre Auswirkungen. Mit all ihren Sinnen ist sie da(bei). Das Geschehen in ihrer und in der Gegenwart von anderen kontaminiert den Raum und infiziert (nicht nur) sie; sie bestimmt das Klima der Anfälligkeit mit. 

Weiter kann die Zeugin «das Zeug zum Dreh raushaben»: Würde sie die Wirkung ihrer Anwesenheit so spüren wie ein grosses Tier, das im Zaume gehalten hinter einem Zaun sich plötzlich seiner Kraft bewusst und diesen gar überspringen oder durchbrechen würde, könnte sie mit ihrer schieren Präsenz eine Situation bewusst verändern, den «act/e» umkippen, selber zur Akteurin werden. Meistens hält sich die Zeugin im Zaume, ist anwesend abwesend und greift nicht ein, will die Störanfälligkeit des Geschehens nicht nützen, sei es aus Konvention oder anderen Gründen, ausser sie wird aufgefordert, ja genötigt aktiv das Geschehen mitzubestimmen.

Der Sprung von der Zeugin zur Augenzeugin ist latent. Letzterem Wort fehlen einige Körperteile, denn die Augenzeugin als Beobachterin ist auch Ohrenzeugin und hat als Tatzeugin Hand und Fuss und mehr. Der Kreislauf gerät etwas in Aufruhr, wenn sie das Heft in die Hände nimmt, zu Stift und anderen Gerätschaften greift (unter-) suchend mitgeht, kommentiert, mitschreibt, auf- und nachzeichnet, erzählt, irgendwie zwischen fiebrig und abwägend distanziert. Sie wird zur Mittäterin, setzt eigene Akzente, spricht Vermutungen und Missverständnisse aus. Bei aller Wa(h)rhaftigkeit demgegenüber, was ist und war und noch werden könnte, kommt sie woher, bepackt mit ihren Haltungen, Wünschen und Visionen in Rucksack und Handtasche. Mit ihrem eigenen Profil und ihren Erfahrungen nimmt sie eine Rolle an, die Aufgabe und Berufung gleichermassen ist, sie auch befreit vom Ausgesetzt-Sein in einen unberechenbaren Verlauf. Sie wird Handelnde, geht Spuren nach, die noch nicht verfolgt worden sind, sie bleibt dran, weiss, was sie zu tun hat, obwohl sie nicht weiss, wohin das alles führt. Das Geschehen(e) setzt sie über die Ränder der akuten Situation hinaus in einen grösseren Zusammenhang: der Raum weitet sich in die Vergangenheit und in die Zukunft. Der «act/e» bekommt eine Stimme, hallt nach. Das Geschehen(e) hat Konsequenzen, ist nicht harmlos, ist mehr als das Ereignis an und für sich, wird zur Materialquelle; es wird nicht einfach «ad acta» gelegt. Der Fall ist nie abgeschlossen, er kann immer wieder neu aufgerollt werden …

Dorothea Rust, 12. Oktober 2014